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DST Hamburg zwischen Algorithmus und Autonomie

Der Deutsche Stiftungstag in Hamburg stand unter dem Motto «Aus Freiheit handeln». In den Gesprächen, Panels und Werkstätten zeigte sich, dass diese Freiheit heute nicht mehr ohne die Frage nach Künstlicher Intelligenz zu denken ist. Denn KI ist im Stiftungssektor längst nicht mehr nur ein neues Werkzeug – sie ist ein Test dafür, wie bewusst, transparent und verantwortungsvoll Stiftungen künftig entscheiden wollen.

Freiheit ist im Stiftungswesen ein grosses und wichtiges Wort. Stiftungen können Themen setzen, langfristig handeln und unabhängig von politischen Wahlzyklen oder Marktlogiken arbeiten. Genau darin liegt ihre Stärke. Dass diese Freiheit heute mit Blick auf das Weltgeschehen in Gefahr ist, erfahren wir täglich. Doch das Konzept der Freiheit ist im Stiftungsalltag auch aus einem anderen Grund unter Druck: Wenn nämlich Technologie Prozesse beschleunigt, Wissen verfügbar macht, Anträge verbessert und Entscheidungsgrundlagen verändert. 

Eröffnet den ausgebuchten Deutschen Stiftungstag: ZEIT Chefredaktor Giovanni di Lorenzo. Bild ©BVDS Name des Fotografen: David Ausserhofer/Jann Wilken

Freiheit als Motto, KI als Realitätstest 

Der Deutsche Stiftungstag am 20. und 21. Mai in Hamburg zog über 2000 Besucher:innen an. Er hat den Begriff Freiheit nicht als wohlfeile Floskel verhandelt, sondern als Handlungsauftrag. Und genau deshalb war es folgerichtig, dass KI in so vielen Gesprächen mitlief, nicht immer als Hauptthema, aber immer öfter als Hintergrund. Wer heute über Freiheit im Stiftungssektor spricht, spricht eben auch darüber, wie Entscheidungen heute zustande kommen. Konkret: Wie eine Organisation ihre Urteilskraft im Zeitalter von KI weiterhin in Stellung bringt. 

Freiheit – ein Motto, das es in sich hat. Bild ©BVDS Name des Fotografen: David Ausserhofer/Jann Wilken

Das ist keine theoretische Debatte. Viele Panels und Beiträge der Tagung zeigen: KI ist längst in sehr praktischen Fragen angekommen, beim digitalen Gesuchsmanagement, bei datenbasierten Ansätzen (wie dem Kulturatlas und Förderkompass für Bayern) oder beim sicheren Einsatz generativer KI-Modelle im Organisationsalltag (besonders eindrücklich hier der Ansatz der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Frankfurt am Main). Und generell bei der Frage, wie aus verstreutem Wissen eine belastbare Entscheidungsgrundlage wird (etwa bei der Bürgerstiftung Hamburg im Einsatz). 

Zwischen Euphorie, Überforderung und Pragmatismus 

Der Stand im Sektor ist allerdings alles andere als einheitlich. Während manche Organisationen bereits aktiv mit Wissensmanagement, KI-Assistenten oder digitalen Förderprozessen experimentieren, führen andere noch Grundsatzgespräche darüber, was KI überhaupt leisten kann und wo ihre Grenzen liegen. Oder ob man einen Einsatz überhaupt ernsthaft prüfen soll – oder darf. Als Schweizer Gast musste man auch mal über die deutschen Nachbarn schmunzeln: lieber noch einmal gründlich über die Voraussetzungen sprechen, statt den ersten Prompt vorschnell zu schreiben. 

Wieder andere springen direkt in die Euphorie – und übersehen dabei sämtliche Fragen von Datenschutz, Datenqualität, Bias und Verantwortlichkeit. Die Stiftung Kulturator ist ein spannendes Beispiel einer jungen und erfrischenden Münchener Initiative, welche als Plattform für viele kleine gemeinnützige Initiativen dient. Sie steht exemplarisch für eine agile Organisation, die mit digitalen Werkzeugen erstaunlich viel Hebel erzeugt. Umso deutlicher zeigt sich aber auch die Kehrseite: Wer schnell ins Machen kommt, muss umso bewusster klären, welche Daten verarbeitet werden und wer Verantwortung trägt. Und wo es mehr um technische Faszination als um echte Wirkung geht. 

Eigentlich geht es gar nicht nur um KI 

Genau das ist die produktivste Erkenntnis des Deutschen Stiftungstags 2026: Eigentlich geht es gar nicht nur um KI.  

KI ist ein Weckruf. Sie zwingt Stiftungen, sehr grundlegende Fragen neu zu stellen: Was ist eigentlich ein gutes Gesuch? Was bewerten wir – sprachliche Qualität oder Wirkungspotenzial? Was passiert, wenn Anträge professioneller formuliert sind als je zuvor, die dahinterliegenden Projekte aber nicht automatisch besser werden? Und wie unterscheiden wir künftig zwischen überzeugendem Text und überzeugender Wirkung? 

Gerade digitale Gesuchs- und Förderprozesse machen diesen wunden Punkt sichtbar. Sie zeigen, wie sehr gute Systeme auch von guten Strukturen abhängen – Strukturen, die wir nicht als einzelne Organisation, sondern nur gemeinsam als Sektor aufbauen können. Der Spheriq-Ansatz stiess entsprechend auf grosses Interesse, und gelegentlich sogar auf einen leicht neidischen Blick in die Schweiz. 

Zwischen Algorithmus und Autonomie 

Um genau diese Freiheit des Entscheidens im Zeitalter von KI drehte sich das Panel «Zwischen Algorithmus und Autonomie». Im Zentrum standen Fragen von Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Effizienz: Stehen sie im Widerstreit? Wo gewinnen wir durch KI? Wo verlieren wir etwas? Und was verändert sich, wenn Förderentscheidungen künftig stärker durch Daten, Modelle und digitale Prozesse vorbereitet werden? 

Moderiert wurde das Panel von Karsten Timmer, Mitinitiator des zweiwöchentlichen Webtalks #ImpulseStiften und eine prägende Stimme in der deutschen Stiftungsdebatte. Er fragte nachdenklich, ob kleinere Stiftungen durch KI noch unsichtbarer werden. Linda Rau von JOBLINGE gAG Hanse ist hingegen überzeugt: Jetzt entscheidet mehr denn je die Wirkung (wenn alle Anträge gleich gut klingen).  

Francesca Giardina von der Stiftung Mercator Schweiz zeichnete bewusst die Dystopie einer «dark philanthropy» im Zeitalter von KI – während Felix Streiter von der deutschen Carl-Zeiss-Stiftung nüchtern und am Beispiel eines direkten Vergleichs feststellte, dass KI womöglich zu besseren (oder einfach auch denselben) Förderentscheidungen kommt wie Menschen. Der Tisch war damit gedeckt: Im Saal lagen keine fertigen Antworten bereit, aber ein deutliches Bild davon, wie weit die Positionen auseinandergehen – und wie dringend der Sektor gemeinsame Orientierung braucht. 

Es geht um das Matching, nicht um den Algorithmus 

Ich durfte im Panel den Ansatz von Spheriq vertreten: Wir brauchen eine sektorweite Antwort. Also nicht noch mehr isolierte Werkzeuge – hier eine Grant-Builder-KI für Nonprofits, dort eine Eligibility-Check-KI für Förderstiftungen. Wenn KI-generierte Gesuche künftig von Förder-KI geprüft und abgelehnt werden, ist für die Wirkung noch nichts gewonnen. 

Der eigentliche Engpass liegt früher: Wie finden passende Projekte und passende Förderlogiken zueinander? Wie vermeiden wir unnötige Gesuche, ohne den Zugang zu verschliessen? Wie machen wir sichtbar, was eine Organisation ausmacht, jenseits eines gut formulierten Antragstexts? Gerade hier könnte KI auch spannende neue Wege eröffnen. Roman Rüdiger von Anthropia zeigte, wie deren Startup-Inkubator die Möglichkeiten nutzt, um niederschwellig und in Form lockerer Gespräche jene Grundlageninformationen bereitzustellen, die sonst in tagelanger Arbeit mühsam in ein Gesuch geschrieben werden müssen.  

Hier setzt auch Spheriq als digitale Infrastruktur für den Sektor an. Wenn Organisationsdaten, Projekte, Förderlogiken, Empfehlungen, Gesuche, Scouting und Reporting besser zusammenspielen, kann Technologie das Matching erleichtern und Bürokratie abbauen. KI ist dabei nicht der Ersatz für Urteilskraft, sondern ein Verstärker gut strukturierter Zusammenarbeit. Das Credo hinter diesem sektorweiten Ansatz: Das System Philanthropie ganzheitlich denken und Lösungen gemeinsam entwickeln.

Governance statt Tool-Faszination 

KI schon im Einsatz oder auf dem Prüfstand? Am DST wurde viel und engagiert diskutiert. Bild ©BVDS Name des Fotografen: David Ausserhofer/Jann Wilken

Auch die nüchternen Fragen hatten Raum am Deutschen Stiftungstag in Hamburg. Welche Daten dürfen verarbeitet werden? Wer trägt Verantwortung? Wo braucht es menschliche Kontrolle? Wie werden Entscheidungen dokumentiert? Und wie verhindern Organisationen, dass Mitarbeitende längst mit Schatten-KI arbeiten, während offiziell noch geprüft wird, ob man KI überhaupt einsetzen darf? 

Christian Zappe von der Datenschutz Consulting hatte da klar die juristische Brille auf, verband das aber mit einem praktischen Ansatz. Er stellte den Teilnehmer:innen Checklisten und sogar Templates für Anwendungsrichtlinien zur Verfügung, die in wenigen Schritten für die eigene Organisation adaptiert werden können. Aus rechtlicher Sicht, aber auch aus Sicht der Organisationsentwicklung, ist KI also ein Governance-Thema. Es braucht Leitplanken und klare Regeln. Und Ausbildung: Der AI Act schreibt für den europäischen Raum (aktuell also noch nicht für die Schweiz) eine entsprechende regelmässige Ausbildung von Miterarbeitenden vor, wenn in deren Organisation KI zum Einsatz kommt.  

Gute KI-Nutzung beginnt also nicht mit Hast. Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft machte eindrücklich sichtbar, wie wichtig stabile Daten, klare Prozesse und ein kontrollierter Aufbau sind. Und auch die Beiträge aus dem Civic Data Lab erinnerten daran, dass es nicht immer die grosse KI braucht. Oft beginnt der echte Nutzen schon dort, wo Daten besser auffindbar, verständlich und praktisch nutzbar werden. 

Die Freiheit, besser zu entscheiden 

Der Deutsche Stiftungstag hat gezeigt: KI ist im Stiftungssektor angekommen – aber längst nicht überall, nicht überall gleich und nicht überall mit demselben Vorzeichen. KI ist weniger eine Antwort als eine Frage. Sie zwingt den Sektor, Förderprozesse, Machtverhältnisse und Entscheidungslogiken offenzulegen und zu reflektieren. 

Gerade deshalb ist sie als Thema so produktiv. Sie fordert Stiftungen dazu auf, über ihre Freiheit nachzudenken. Nicht abstrakt, sondern ganz praktisch. 

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