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Hält die Philanthropie in Europa die Stellung?

Die Philanthropie in Europa hat sich als widerstandsfähig und stabil erwiesen. Aber sie wächst nicht. Nun muss sie zeigen, ob sie auch fähig ist, sich in einem wandelnden Umfeld zu behaupten. In einer Zeit, in der sie zunehmend in Frage gestellt ist, braucht sie verstärkt eine verlässliche Datenbasis zur Verteidigung. 

Auf dem Papier steht es gut um die europäische Philanthropie. Die jüngste Veröffentlichung des European Research Network on Philanthropy (ERNOP) zeigt, dass jährlich mindestens 104,5 Milliarden Euro gespendet werden. Die Studie bezieht sich auf die Gesamtsumme der Spenden von Haushalten, Unternehmen, Stiftungen und Wohltätigkeitslotterien in 23 Ländern. Eine gewaltige Summe. Dies bestätigt, dass Philanthropie in den europäischen Gesellschaften eine bedeutende Rolle spielt. Doch Zahlen erzählen selten die ganze Geschichte.

Betrachtet man die Hintergründe dieser Zahl, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Im aktuellen politischen Umfeld ist sie von weitaus grösserer Bedeutung. Ein Vergleich der Ergebnisse mit jenen der Studie aus dem Jahr 2017 zeigt, dass das Wachstum der Philanthropie in Europa keineswegs eindeutig ist. Jedoch die Erwartungen an sie sind es sehr wohl. Die eigentliche Frage ist nicht, ob die Philanthropie wächst. Die eigentliche Frage lautet: Kann die Philanthropie die steigenden Erwartungen an sie ohne ein Wachstum der Ressourcen erfüllen?

Momentaufnahmen

Es ist verlockend, die aktuellen Zahlen von 104,5 Milliarden Euro im Jahr 2022 mit früheren Schätzungen von 87,5 Milliarden Euro im Jahr 2013 zu vergleichen und daraus zu schliessen, dass die philanthropischen Mittel zunehmen. Doch diese Schlussfolgerung hält einer Überprüfung nicht stand, selbst wenn nur die Zahlen aus den 18 Ländern berücksichtigt werden, die in beiden Ausgaben enthalten sind. In diesem Fall werden 102,4 Milliarden Euro (2022) mit 87,5 Milliarden Euro (2013) verglichen. Die beiden Studien bilden keine Zeitreihe. Es handelt sich um zwei Momentaufnahmen, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgenommen wurden. Unterschiede in der Datenverfügbarkeit, den Definitionen und der Messweise führen dazu, dass vermeintliche Veränderungen oft eher durch die Art der Messung bedingt sind, und nicht unbedingt durch das tatsächliche Spendenvolumen.

Der aussagekräftigste Vergleich ist das Gesamtniveau der Spenden in den jeweiligen Ländern. Für diese liegen Daten aus beiden Jahren vor. Doch selbst von diesen Zahlen abgeleitet ergibt sich ein ernüchterndes Bild. Nominal ist die Spendenbereitschaft um 17 Prozent gestiegen. Inflationsbereinigt ist sie jedoch mit –1,7 Prozent nahezu unverändert geblieben. Vielleicht noch besorgniserregender ist, dass die Spenden als Anteil am BIP zurückgegangen sind. Ein Teil des scheinbaren Wachstums ist auf verbesserte Messmethoden in einigen Ländern zurückzuführen und nicht unbedingt auf grosszügigeres Verhalten. Das macht Vergleiche nicht sinnlos. Sie sind jedoch mit Vorsicht zu betrachten.

Die wichtigste Erkenntnis betrifft also nicht das Wachstum. Es ist die Widerstandsfähigkeit. Die Philanthropie hat sich trotz Krisen, Pandemien und politischer Veränderungen behauptet. Ihren Anteil an den gesellschaftlichen Ressourcen hat sie jedoch nicht grundlegend erhöht. Das wäre auch in Ordnung, hätten sich die Erwartungen nicht geändert.

Strukturelle Spannungen

In ganz Europa stehen die Regierungen unter Druck. Die öffentlichen Mittel werden immer knapper. Die Regierungen müssen neu entstehende Krisen bewältigen, während andere noch nicht einmal beendet sind. Hinzu kommt, dass sich die politischen Prioritäten verschieben. In einigen Bereichen zieht sich der Staat zurück – nicht immer explizit, aber faktisch. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an die Philanthropie. Von ihr wird zunehmend erwartet, dass sie Lücken füllt, auf Krisen reagiert, systemische Probleme angeht und in einigen Fällen den Rückzug der öffentlichen Hand kompensiert. Dies führt zu einer strukturellen Spannung. Denn während die Erwartungen steigen, wachsen die zugrunde liegenden verfügbaren Ressourcen nicht mit.

Gleichzeitig agiert die Philanthropie in einem sich wandelnden politischen Klima. In ganz Europa steht das Vertrauen in Institutionen unter Druck. Die öffentliche Debatte wird zunehmend polarisiert geführt. Und Akteure, die mit Reichtum, internationalen Netzwerken oder nicht durch Wahlen legitimierter Einflussnahme in Verbindung gebracht werden, werden immer stärker hinterfragt. Die Philanthropie befindet sich genau an dieser Schnittstelle.

Diese kritische Betrachtung ist nicht mehr theoretischer Natur. In Frankreich hat der Senat eine Untersuchung zu den Mechanismen eingeleitet, durch die öffentliche Politik von privaten Organisationen, Unternehmen oder Stiftungen finanziert wird, sowie zu den damit verbundenen Risiken hinsichtlich Einflussnahme, mangelnder finanzieller Transparenz und Eingriffen in das Funktionieren der Demokratie. Diese Fragestellung ist bezeichnend. Sie geht nicht davon aus, dass ein Beitrag geleistet wird. Zunächst wird ein potenzielles Risiko gesehen.

Gleichzeitig veranschaulichen Entwicklungen in Ländern wie Ungarn eine weitere Dimension. Die Philanthropie selbst bleibt präsent. Die Menschen spenden, oft grosszügig, besonders in Krisenzeiten. Doch die Infrastruktur rund um die Philanthropie kann schwächer werden. In dem Jahrzehnt zwischen der ersten und der zweiten Ausgabe von «Philanthropy in Europe» hat die Datenerhebung nachgelassen. Ein systematisches Verständnis lässt sich immer schwerer aufrechterhalten.

Dies sind offensichtlich keine identischen Entwicklungen. Doch zusammen weisen sie in dieselbe Richtung. Philanthropie agiert in einem Umfeld, das immer weniger vorhersehbar und immer weniger automatisch förderlich ist.

Schwer messbar

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie sind nicht die 104,5 Milliarden Euro, auch wenn es sich dabei um eine Untergrenze handelt. Vielmehr ist es die Tatsache, dass grosse Teile der Philanthropie nach wie vor nur schwer messbar sind. Regelmässige Spenden von Privathaushalten, die mit 52 Milliarden Euro fast die Hälfte des Gesamtvolumens der Philanthropie in Europa ausmachen, lassen sich relativ gut erfassen. Bei einer anderen Form der Spenden von Privathaushalten, den Vermächtnissen (8,4 Milliarden Euro), ist die Situation praktisch gegenteilig. Europaweit gibt es nur sehr wenige repräsentative Daten. Die Daten zu Unternehmensspenden (21,5 Milliarden Euro) und Stiftungsspenden (20,6 Milliarden Euro) sind vielfältig und es ist schwer, wirklich zu erfassen, was als ursprüngliche Quelle einer Spende gilt. Und wenn wir uns die Verwendung der Spenden ansehen, wird es noch komplizierter.

Doch selbst innerhalb der begrenzten Vergleiche, die wir anstellen können, unterscheiden sich die Muster stark. Spenden von Privathaushalten scheinen weitgehend stabil, konzentrieren sich jedoch zunehmend. Unternehmensspenden scheinen real zurückgegangen zu sein, trotz zunehmender ESG-Rhetorik. Stiftungsspenden sind relativ stabil, lassen sich jedoch nur schwer von Spenden von Unternehmen und vermögenden Privatpersonen trennen. Und es ist nicht immer klar, ob die ursprüngliche Quelle der Spenden aus dem Stiftungsvermögen stammt. Vermächtnisse verzeichnen in einigen Ländern ein starkes Wachstum, das jedoch oft von wenigen Einzelfällen getrieben wird.

In mehreren Fällen entpuppt sich das, was wie ein Trend aussieht, als Messartefakt oder als Ergebnis eines einzelnen dominanten Landes. Was wir sehen, wird ebenso sehr von den Daten wie von der Realität geprägt.

Legitimität im Fokus

Traditionell konzentrieren sich Diskussionen über Philanthropie auf die Leistung: Wie kann man besser spenden, wie lässt sich die Wirkung messen, wie kann man die Strategie verbessern? Diese Fragen sind nach wie vor wichtig. Doch wir können uns fragen, ob sie noch ausreichen. Denn der Fokus verlagert sich zunehmend von der Wirksamkeit hin zur Legitimität. Philanthropie existiert, weil der Staat zulässt, dass privates Vermögen unter günstigen Bedingungen für öffentliche Zwecke eingesetzt wird. Diese Regelung hängt von der Zustimmung der Öffentlichkeit ab. Und sobald diese Zustimmung an Bedingungen geknüpft wird, wandelt sich die Philanthropie von einer akzeptierten zu einer umstrittenen Praxis. In einem Kontext, in dem selbst etablierte Demokratien den Einfluss und die Transparenz philanthropischer Akteure offen hinterfragen, verschiebt sich die Beweislast. Philanthropie muss überzeugend und konsequent aufzeigen können, was sie von anderen Formen der Macht und des Einflusses unterscheidet.

An Philanthropie mangelt es Europa nicht. Es fehlt eine gemeinsame, solide Wissensinfrastruktur, die es der Philanthropie ermöglicht, ihren Beitrag zu demonstrieren, sich an politischen Debatten zu beteiligen und auf Kritik mit Belegen statt mit Behauptungen zu reagieren. In vielen Bereichen wird Legitimität durch berufliche Standards, akademische Forschung und institutionalisiertes Wissen gestützt. In der Philanthropie ist diese Grundlage nach wie vor dünn und fragmentiert. Und das ist nicht nur ein akademisches Problem. Es ist eine strukturelle Schwäche.

Seit Jahren diskutiert der Sektor über den Bedarf an besseren Daten. Diese Diskussion ist nach wie vor berechtigt. Sie muss aber neu ausgerichtet werden. Es geht nicht darum, perfekte Datensätze zu erstellen. Es geht darum, Kapazitäten aufzubauen. Es geht um die Fähigkeit, Veränderungen im Laufe der Zeit zu erkennen, zu verstehen, was geschieht und zu reagieren, wenn sich das Umfeld wandelt. Diese Fähigkeit gewinnt besonders an Bedeutung, wenn öffentliche Datenquellen nicht als selbstverständlich angesehen werden können, sich politische Prioritäten ändern oder die Legitimität der Philanthropie selbst infrage gestellt wird. In diesem Sinne ist die Investition in Wissen kein Luxus. Sie ist eine Form der Vorsorge.

Strategische Massnahmen

Und sie erfordert keine gross angelegten, zentralisierten Lösungen. Sie kann einfacher beginnen, zum Beispiel durch die Verbesserung bereits vorhandener Daten. Bestehender Daten können auf einer gemeinsamen Datenplattform zusammengeführt werden. Man konzentriert sich auf bestimmte Bereiche der Philanthropie, anstatt das ganze Thema auf einmal anzugehen. Oder man erwägt schlankere, standardisierte Ansätze, die nationale Daten vergleichbar machen, ohne lokale Systeme zu überlasten. Das sind keine teuren Massnahmen. Aber es sind strategische Massnahmen. Denn sie schaffen etwas, was der Philanthropie derzeit fehlt: eine stabilere Grundlage, um sich selbst zu verstehen und zu verteidigen.

Die Zahl von 104,5 Milliarden Euro sagt uns, dass Philanthropie wichtig ist. Aber sie sagt uns nicht, ob die Philanthropie vorbereitet ist – vorbereitet auf steigende Erwartungen, zunehmende Kontrolle und ein politisches Umfeld, in dem ihre Rolle nicht mehr selbstverständlich ist. Die Philanthropie in Europa hat sich als widerstandsfähig erwiesen. Die Vergleiche, die wir anstellen können – unvollkommen, aber dennoch aufschlussreich –, deuten auf Stabilität hin, nicht auf Expansion. Das Umfeld verändert sich jedoch. Die Frage ist nun, ob die Philanthropie auch selbstbewusster, bodenständiger und besser gerüstet sein kann, um ihren Platz in der Gesellschaft zu verteidigen. Es kommt nicht nur darauf an, was sie tut. Sondern es zählt auch, was sie vorweisen kann. Nicht mehr nur, weil man das, was man nicht messen kann, nicht richtig verwalten kann, sondern in einem Kontext, in dem Legitimität nicht mehr selbstverständlich ist und in dem man, wenn man nicht mit am Tisch sitzt, wahrscheinlich auf der Speisekarte steht.

Die vollständige Publikation ist frei zugänglich und kann hier heruntergeladen werden.

Die Anhörung im französischen Senat ist hier zu sehen.

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