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Rätoromanisch im digitalen Raum sichern

Mit dem neuen Übersetzungstool ALAS schafft der Dachverband Lia Rumantscha die Grundlagen dafür, dass Rätoromanisch auch im digitalen Raum präsent bleibt. Ignacio Pérez Prat ist verantwortlich für die digitale Transformation und erklärt, wieso Stiftungen eine besonders zentrale Rolle bei der Förderung sprachlicher Infrastruktur spielen.

Seit über 100 Jahren setzt sich Lia Rumantscha, der gemeinnützige Dachverband rätoromanischer Sprachvereine, für den Erhalt und die Förderung des Rätoromanischen in der Schweiz ein. Laut Ignacio Pérez Prat hat sich an der Aufgabe zum Spracherhalt selbst grundsätzlich wenig verändert, wohl aber an den Rahmenbedingungen. 

Damit eine Sprache lebendig bleibt, muss sie dort präsent sein, wo der Alltag stattfindet. Heute also auch im digitalen Raum. Mit dem frei zugänglichen Übersetzungstool ALAS geht Lia Rumantscha diesen Schritt in die digitale Welt mit dem gleichen Anspruch auf sprachliche Souveränität wie vor 107 Jahren.

Viele Minderheitensprachen stehen unter Druck. Welche Herausforderungen bringt die digitale Transformation für das Rätoromanische heute zusätzlich mit sich?

Ignacio Pérez Prat: Sobald Privatunternehmen entscheiden sollen, ob unsere Sprache integriert wird oder nicht, wird es schwierig. Letztes Jahr haben wir den Lokalisierungsstandard Unicode CLDR für das Rätoromanische umfassend überarbeitet. [Anm. der Redaktion: Das «Common Locale Data Repository» (CLDR) ist ein internationaler Standard für die digitale Darstellung von Sprachen.] Bis heute haben Big-Tech-Unternehmen nichts davon übernommen. Anfragen bei Technologieunternehmen, auch bei deren schweizerischen Vertretungen, bleiben unbeantwortet.

Wie sieht es aus mit der Verfügbarkeit von Daten in Rätoromanisch?

Das ist eine zusätzliche Herausforderung. Hier sprechen wir meistens über Text. Die heutigen Technologien wie Sprachmodelle oder neuronale Netze, also Künstliche Intelligenz (KI), brauchen viele Daten. Doch die Menge allein ist nicht alles. Es braucht auch Daten in den richtigen Formaten, zum Teil auch spezifische Datensätze, die auf Rätoromanisch speziell produziert werden. Diese Herausforderung gehen wir systematisch an und lösen sie schrittweise für alle, die künftig Projekte mit Rätoromanisch machen wollen.

Mit ALAS habt ihr ein frei zugängliches Übersetzungstool geschaffen. Warum war dieser Schritt gerade jetzt wichtig?

Gemäss unserer Bedürfnisabklärung, welche wir im Rahmen unserer Digitalisierungsstrategie gemacht haben, war maschinelle Übersetzung die am häufigsten genannte Thematik. Beispielsweise wurde dies von allen 24 teilnehmenden Gemeinden als Bedürfnis genannt. Auch romanische Institutionen haben sich eine solche Lösung gewünscht.  

Das digitale Übersetzungstool ALAS.
Das digitale Übersetzungstool ALAS übersetzt in fünf rätoromanische Idiome.

Wie hat die rätoromanische Sprachgemeinschaft bisher auf ALAS reagiert?

Die Reaktionen waren sehr positiv bisher. Einerseits kam zurück, dass dies ein grosses Bedürfnis von vielen war, andererseits waren die Leute von der Qualität sehr beeindruckt. Natürlich sind einzelne Personen auf die typischen Schwächen eines KI-Systems gestossen. Zum Beispiel werden einzelne Wörter nicht so gut übersetzt wie ganze Texte, aber dafür haben wir nach wie vor unsere Online-Wörterbücher. Das grösste Kompliment sehen wir darin, dass ALAS seit der Lancierung täglich benutzt wird. 

Das grösste Kompliment sehen wir darin, dass ALAS seit der Lancierung täglich benutzt wird.

Ignacio Pérez Prat, Verantwortlicher digitale Transformation bei Lia Rumantscha

Welche Bedeutung hat es, wenn eine kleine Sprachgemeinschaft technologisch «mithalten» kann?

Das ist aus unserer Sicht eine strategisch wichtige Aufgabe. Man muss allerdings darauf achten, immer im Rahmen der Kernkompetenz zu arbeiten und andere Kompetenzen durch Partnerschaften beschaffen. Unsere Kernkompetenz ist die Sprache und daran halten wir fest. Für Technologie suchen wir uns die passenden Partnerinstitutionen aus, die in dem Moment für eine gegebene Technologie die besten Kompetenzen haben. In der heutigen Welt verändern sich die Anwendungen relativ schnell und es gibt rasch neue Technologien. Man muss an der Basis arbeiten und sicherstellen, dass wir mit den gleichen Grunddaten neue Technologien erschliessen können. 

Ist digitale Sichtbarkeit heute eine Voraussetzung für sprachliches Überleben?

Ja. Soziolinguistisch gesehen ist es sehr wichtig für die Identität einer Sprachgemeinschaft zu sehen, dass die eigene Sprache in den verschiedenen Bereichen des Alltags präsent und lebendig ist. Der digitale Raum ist ein wichtiger Teil des heutigen Alltags. 

Wie trägt ALAS als digitales Übersetzungstool dazu bei, dass mehr Menschen Rätoromanisch aktiv lernen, sprechen und weitergeben? Kann es das überhaupt?

ALAS kommt als neues Angebot dazu und ist nun Teil von einer bereits existierenden Landschaft an Hilfestellungen und Angeboten, die das Lernen, Sprechen und Weitergeben der Sprache unterstützen. Es werden auch weitere neue Angebote dazukommen. Mit einem einzigen Projekt ist es nicht getan. Aus dem Projekt, was zu ALAS geführt hat, lassen sich viele Synergien nutzen. Beispielsweise wurde für ALAS eine automatische Erkennung für romanische Texte entwickelt, welche zwischen den romanischen Schreibstandards sehr akkurat differenzieren kann. Das können wir dazu nutzen, um mehr Texte für neue Projekte klassifizieren zu können. 

Welche Rolle spielen Stiftungen und andere Förderpartner:innen bei der Entwicklung solcher Projekte?

Stiftungen spielen eine sehr grosse Rolle bei solchen Projekten. ALAS hat ein realer Effekt im Alltag vieler Menschen. Das ist ein tolles Beispiel davon, wie eine Stiftung die Finanzierung dafür einsetzen kann, um einen greifbaren Impact in der Gesellschaft zu haben.

[ALAS] ist ein tolles Beispiel davon, wie eine Stiftung die Finanzierung dafür einsetzen kann, um einen greifbaren Impact in der Gesellschaft zu haben.

Ignacio Pérez Prat, Verantwortlicher digitale Transformation bei Lia Rumantscha

Wie habt ihr die Finanzierung dieses Projekts aufstellen können?

Ein grosser Teil der Finanzierung wurde von der Stiftung Fundaziun Patrimoni Cultural RTR geleistet und der Rest von unserer Eigenleistung.

Wie nehmen Stiftungen Rätoroman:innen als Minorität wahr – erleichtert das eure Arbeit oder erschwert es sie?

Im gesamtschweizerischen Kontext sind die Rätoroman:innen in der Minderheit – das stimmt – in einer rätoromanischen Gemeinde hingegen nicht. Es ist also auch eine Frage der Perspektive. Von Erschweren kann aus unserer Sicht sicherlich nicht die Rede sein. Die Finanzierung seitens Fundaziun Patrimoni Cultural RTR in diesem Fall zeigt, dass es viel Raum für Stiftungen gibt, um sich für die Förderung unserer Sprache zu engagieren. Aber es gibt noch viel Potenzial für Stiftungen in verschiedenen Themen. Man unterschätzt sehr oft den Impact, in dem man die Wichtigkeit unserer Sprache auf die Anzahl Sprecher:innen reduziert. Mehrsprachigkeit betrifft uns alle.

Wo seht ihr den Mehrwert für Förderstiftungen, wenn sie in kulturelle und sprachliche Infrastruktur investieren?

Stiftungen haben mit der Finanzierung eine positive Wirkung auf die Gesellschaft. Sowohl die Kultur als auch die Digitalisierung werden von privaten und kommerziell motivierten Angeboten überflutet, die nicht immer die Gesellschaft in den Fokus stellen, sondern vielmehr private Interessen. Dem können Stiftungen gut entgegenwirken.

Wie messt ihr die Wirkung eines Projekts wie ALAS? Oder anders gefragt: Woran erkennt ihr, ob es erfolgreich ist?

Alle, die das Bedürfnis nach einer maschinellen Übersetzung geäussert haben, sind mit ALAS sehr zufrieden und setzen sie im Alltag ein. Dazu kommen die Reaktionen aus der breiten Öffentlichkeit, die den Mehrwert auch sehen. Die Zielgruppe von ALAS vergrössert sich täglich. In den ersten zwei Wochen seit der Lancierung von ALAS wurden circa 40’000 Übersetzungen gemacht. Darunter fallen solche, die aus Neugier mal was eingeben sowie auch Personen, die ALAS bei der Arbeit bereits täglich einsetzen. Für uns ist das eine grosse Zahl. Wir möchten die Reichweite von ALAS vergrössern, um damit mehr Sichtbarkeit für unsere Sprache zu erreichen.

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