Ein neuer Forschungsbericht, im Auftrag der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte SKKG und Terresta, mit Unterstützung der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte (SGG), dokumentiert erstmals systematisch, wie Bruno Stefanini sein Immobiliengeschäft und seine Kunstsammlung aufgebaut hat. Die Ergebnisse zeigen die Differenzen zwischen philanthropischem Anspruch und geschäftlicher Realität auf. Mit der Veröffentlichung des Berichts geht die SKKG ihren Weg konsequent und transparent weiter.
Die Stiftung Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) in Winterthur dokumentiert Gründung und Geschichte gründlich. Ein neuer Forschungsbericht der Historiker:innen Jennifer Burri und Amos Kuster aus Basel zeichnet nach, wie Bruno Stefanini sein Immobilienimperium und seine Kunstsammlung aufgebaut hat. Wie sich nun zeigt, floss Geld von den Immobilien in die Sammlung. Stefanini verknüpfte Sammlung und Immobilien, indem er die Sammlungsgegenstände nicht nur als kulturelles Erbe betrachtete, sondern als Kapitalanlagen. Er verglich die Wertsteigerungen bei Malern wie Hodler mit Immobilienrenditen. Damit einhergehend resultierte ein stetig wachsender Vermögenswert in der Stiftungsbuchhaltung. Der Bericht bringt ein integriertes System ans Licht, das die beiden scheinbar unabhängigen Leidenschaften Stefaninis – Bauen und Sammeln – miteinander verbindet.
Die neue Forschung ergänzt die bisherige Geschichte und legt ein komplexes Geflecht ökonomischer Entscheidungen offen – die Geschichte eines Kunstmäzens mit konkreten Folgen.
Vom Verwalter zum Finanzier der Sammlung
Stefaninis Karriere beginnt unspektakulär. Als junger Mann verwaltete er Liegenschaften für die italienische Gemeinschaft in Winterthur. Die Nachkriegskonjunktur ermöglichte ihm einen schnellen Aufstieg. Er wurde einer der ersten Generalunternehmer der Region, der sämtliche Dienstleistungen rund um den Immobilienzyklus anbot – mit entsprechenden Kosten- und Machtvorteilen. Die Ölpreiskrise 1973 markierte sodann einen Wendepunkt. Stefanini stellte den Wohnungsbau ein und konzentrierte sich auf den Kauf weiterer Liegenschaften. Mit der strategischen Neuausrichtung vollzog er eine bewusste Umwandlung des Immobilienportfolios in ein Finanzierungsinstrument. Zunehmend sollten die Mieterträge aus dem Portfolio als Finanzierungsinstrument für die Kunstsammlung und somit für die Stiftung dienen.
Die Konsequenzen dieser Neu-Priorisierung waren messbar. Offenbar war der jahrelange Renovationsstau im Immobilienportfolio keine Nachlässigkeit, sondern die Folge einer bewussten Prioritätensetzung: Die Mieterträge flossen in die Sammlung statt in die Liegenschaften. Dies bedeutete für die Mieterinnen und Mieter Warteschlangen bei Instandhaltungen und für die Immobilien eine verzögerte Modernisierung.
Sammelstrategie: Breite statt Tiefe
Stefanini selbst bezeichnete die SKKG-Sammlung mehrfach selbstironisch als «Kuriositäten-Kabinett». Mit dieser Charakterisierung grenzte er sich, gemäss Bericht, bewusst von der klassischen Kunstwissenschaft ab. Diese Positionierung wirkt in der Sammlung bis heute nach: Breite über Tiefe. Eine möglichst heterogene Sammlung sollte eines Tages ein populäres Museum für eine breite Bevölkerung bestücken. Die Zahlen zeigen, wie diese Strategie umgesetzt wurde. Rund 90 Prozent der Objekte kamen über Auktionen in die Sammlung; was erworben wurde, folgte weitgehend dem Angebot auf dem Markt. Das bedeutet natürlich, dass die Sammlungsphilosophie wenig kohärent war. Die intensivste Ankaufsphase fiel in die zweite Hälfte der 1980er-Jahre. 1988 allein kamen über 3000 Objekte in die Sammlung, befeuert durch die Museumspläne für Schloss Brestenberg. Nach dem Scheitern dieses Projekts sanken die Ankaufszahlen deutlich. Vieles, was Stefanini erwarb, verschwand oft ungesichtet in Kisten und Depots.
Kulturerbe als Kapitalanlage
Die Verknüpfung der Sammlung als Kapitalanlage brachte weitreichende Implikationen mit sich. Es lässt sich auch so deuten, dass die Sammlung – trotz ihrer philanthropischen Rhetorik – auch einem Vermehrungszweck diente. Die öffentliche Zugänglichkeit, ein klassisches Merkmal philanthropischer Kunstsammlungen, war, wie sich zeigt, nicht das Primärziel. Tatsächlich behielt sich Stefanini zeitlebens vor, der Stiftung die Nutzniessung an Liegenschaften und Sammlung zu entziehen. Die rechtliche Konstellation schränkte die Handlungsfähigkeit der Stiftung ein und führte dazu, dass die SKKG ihrer gemeinnützigen Pflicht zur öffentlichen Zugänglichkeit der Sammlung in den ersten Jahrzehnten kaum nachkam. Ein philanthropisches Versprechen, das auf dem Papier stand, konnte in der Praxis viele Jahre lang nicht eingelöst werden.
Provenienzforschung: Transparenz und justiziable Prozesse
Das Institut für Kunstgeschichte an der Universität Zürich führt seit 2022 systematische Provenienzforschung durch. Es geht um die Klärung von Werken, die möglicherweise im Kontext von NS-Verfolgungen ihren Eigentümern entzogen wurden. Stefanini erwarb seine Gemäldesammlung mehrheitlich in den 1990er-Jahren durch Schweizer Auktionshäuser. Das ist ein kritischer Zeitraum, weil in den Nachkriegs- und unmittelbaren Wiederaufbaujahrzehnten geraubte Kunstwerke über den Kunstmarkt in neue Sammlungen gelangten. Die Herkunft wurde damals kaum hinterfragt. Die SKKG hat für diesen Prozess ein zweistufiges Vorgehen etabliert, das eine deutliche Trennung von Provenienzforschung und dem Entscheid über den Umgang mit den Ergebnissen gewährleistet. Ein Team unabhängiger Forscher:innen untersucht die Herkunftsgeschichte; eine unabhängige Kommission (UK-SKKG) trifft dann die Entscheide über Restitutionen oder andere gerechte und faire Lösungen.
Im Mai 2026 restitutierte die UK-SKKG das Gemälde «Thunersee mit Blüemlisalp und Niesen» (1876/1882) von Ferdinand Hodler an die Erbengemeinschaft der früheren Eigentümerin Martha Nathan, die als Jüdin vom NS-Regime verfolgt wurde. Der damalige Verkauf des Gemäldes stand in direktem Zusammenhang mit der Zwangslage Nathans. Über die Rückgabe hinaus sieht die SKKG vor, die Geschichte der früheren Eigentümerin der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein neues Verständnis von Stiftungsarbeit der SKKG sieht das Kulturerbe nicht als statischen Besitz, sondern als lebendige Ressource, wie die SKKG schreibt.
Gegenwärtige Strategien und neue Herausforderungen
Die SKKG reagiert auf diese Erkenntnisse mit einer mehrgleisigen Strategie. Seit 2018 wird die Sammlung mit über 100’000 Objekten systematisch inventarisiert. Seit 2025 sind die Objekte über das Portal «Sammlung digital» grösstenteils einsehbar, und im neu geplanten Stiftungssitz «CAMPO» in Oberwinterthur soll die Sammlung ab 2030 weitere physische Zugänglichkeit erhalten.
Terresta, der Immobilienbereich der SKKG, versucht, ein Gleichgewicht zu wahren. Eine zweigleisige Strategie verbindet günstige Bestandsmieten mit marktüblichen Neubauten. Damit wird versucht, gleichzeitig faire Mieten zu sichern und die Finanzierung der Stiftungstätigkeit zu gewährleisten.
SKKG und Terresta versuchen damit, der strukturellen Konstellation zu begegnen, und mit einem heterogenen, teilweise unsichtbaren Vermögen in kultureller Arbeit, Provenienzforschung und dem Erhalt fairer Wohnbedingungen zu investieren.
Klare Aufarbeitung
Die SKKG geht mit dem neuen Forschungsbericht ihre Geschichte ergebnisoffen und offensiv an. Sie nutzt die Aufarbeitung zur kritischen Reflexion. Der Bericht weist geschwärzte Stellen auf. Sie betreffen Objekte oder Sachverhalte, die Gegenstand laufender Provenienzuntersuchungen sind, schreibt die SKKG.
Offene Fragen debattieren
Wie soll die Sammlung als historisches Artefakt behandelt werden? Soll sie «eingefroren» bleiben – als Dokument von Stefaninis Geschmack und seinen Prioritäten? Oder soll sie unter neuen Gesichtspunkten gestaltet werden, weil sich die Werte, auf denen sie aufbaut, geändert haben? Diese Fragen zu stellen und öffentlich zu debattieren, ist sicherlich ein wichtiger Schluss, den die SKKG aus der Aufarbeitung zieht.
Hier geht es zu gesamten Forschungsbericht.
Hier geht es zu Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte.

