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Von der Lärmschneise zur Naturoase

Der Ueberlandpark in Zürich Schwamendingen gewinnt 2026 den Binding Preis für Biodiversität. Infrastruktur und Natur bereichern sich hier gegenseitig. Auf dem Dach einer Autobahneinhausung entstand ein 950 Meter langer Park. Während 120’000 Fahrzeugen passieren, bietet das Dach hunderten Pflanzen- und Tierarten Lebensraum. Wie die Sophie und Karl Binding Stiftung schreibt, verbindet dieses Projekt «Biodiversität, Gestaltung und technische Infrastruktur eindrücklich.»

Was Ende der 90er Jahre als Volksinitiative gegen Lärm und Luftbelastung begann, ist heute ein Vorzeigeprojekt urbaner Naturförderung. Mehr als 120’000 Fahrzeuge fahren täglich auf der Autobahn A1 durch Zürich. Im März 2019 starteten unter Federführung des Bundesamts für Strassen (ASTRA) die Bauarbeiten zur Einhausung. Seit einem Jahr ist der Ueberlandpark eröffnet. Die Zürcher Stimmbevölkerung hat in zwei Volksabstimmungen (2006 und 2015) die nötigen Kredite zugesprochen. Heute erstreckt sich auf einer Höhe von acht Metern der neue Freiraum über gut 950 Meter Länge und 30 Meter Breite. Grün Stadt Zürich schreibt, dass der Park «Schwamendingen markant» präge. Er sei ein «grosses Freiluftlabor für die Stadtnatur». Der Weg dorthin war steinig. Das Originalprojekt von 2006 sah nur eine Basisbegrünung vor. Die Klimadebatte und das damit einhergehenden Quartierbegehren sowie dem gesellschaftlichen Anspruch auf qualitätsvolle öffentliche Räume führten zu einer grundlegenden Umgestaltung des Plans. Bei der Gemeindeabstimmung 2021 stimmte die Bevölkerung einem Zusatzkredit zu, um zusätzliche Bäume, Spielplätze, Brunnen und gastronomische Angebote zu realisieren.

Ökologische Kleinstrukturen und die vielfältige Bepflanzung machen den Ueberlandpark zu einem Refugium für zahlreiche Tierarten – von Bienen über Eidechsen bis hin zu Fledermäusen. Bild: Sstephanie Wuersch

Partizipative Weiterentwicklung

Wie die Sophie und Karl Binding Stiftung in ihrer Würdigung unterstreicht, ist der Ueberlandpark «ein Experimentierfeld für die klimaangepasste Begrünung der Städte von morgen.» So fliesst das Preisgeld von 100’000 Franken zu 100 Prozent in die partizipative Weiterentwicklung des Überlandparks. Damit würdigt die Stiftung nicht nur ein abgeschlossenes Projekt, sondern den kontinuierlichen Prozess, den Park und die Gemeinschaft zusammen zu gestalten. Sie würdigt mit ihrem Preis einen Ansatz, der Infrastruktur nicht als Gegensatz zur Natur versteht, sondern als Chance zur Vernetzung von Lebensräumen, zur Stärkung der Biodiversität im Siedlungsraum und zur Schaffung von Lebensqualität für Menschen . 

Biodiversität auf Extremstandort

Die Bedingungen des Standortes sind hart. Stellenweise ist die Erdschicht nur 32 Zentimeter tief.Intensive Sonneneinstrahlung, starke Windexposition und extreme Temperaturschwankungen kommen hinzu. Solche Extremstandorte sind für die Biodiversität besonders wertvoll. Wie «Grün Stadt Zürich» dokumentiert, sind magere Flächen dieser Art selten geworden. Wissenschaftliche Forschung war Voraussetzung für den Erfolg. Rund 400 vorwiegend einheimische Bäume wurden gepflanzt, ergänzt durch klimaangepasste Arten aus südeuropäischen Trockenwäldern und Steppen. Neben klassischen Flachwurzlern experimentierte «Grün Stadt Zürich» auch mit exotischen Arten. Die Pflanzenauswahl erfolgte dabei nach bewährten Prinzipien. Sie umfasste Bestände aus dem Wallis und dem Jura, Arten von mageren Böden und Felsflanken des Uetlibergs sowie Hecken aus Sanddorn und Wildrose. Hunderte von Pflanzenarten bieten jetzt Lebensräume für Insekten, Vögel und Kleinsäuger. Eigens entworfene, wildbienenfreundliche Mauerelemente in Trockenbauweise mit speziellem Bienensand sollen zum grössten Bienenhotel der Schweiz werden. Gezielt wurden Totholzinseln, Steinhaufen, Trockenmauern Strukturen geschaffen. Ein kontinuierliches Fauna-Monitoring dokumentiert, welche Arten sich unter den herrschenden Bedingungen langfristig behaupten können. Bereits jetzt wurden verschiedenste Wildbienenarten und Tag- und Nachtfalter gezählt. Libellen aus dem angrenzenden Glattgebiet jagen hier. Zaunkönige und Bachstelzen haben Nistplätze gefunden. 

Der Ueberlandpark ermöglicht Bewegung und Begegnung für alle Generationen. Bild Stephanie Wuersch

Dialog und sozialer Treffpunkt

Der Ueberlandpark ist ein Quartiertreffpunkt. Zwei Spielplätze laden Kinder und ihre Familien zum Spielen ein. Der Wunsch der Quatierbevölkerung nach niederschwelligen Begegnungsorten, gastronomischem Angebot und qualitätsvollen Aufenthaltsflächen für heisse Tage war gross. Ein Dialogverfahren band die Quartiergemeinschaft ein. Am Tisch sassen unter anderem Grundeigentümer:innen, das Gemeinschaftszentrum Hirzenbach und die Quartiervereine.

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