Bürgerstiftungen sind in Deutschland etabliert. Die Mitmach-Stiftungen verstehen sich als zentraler Motor für zivilgesellschaftliches Engagement. Die Website der Bürgerstiftungen zeigt, dass die aktuell 435 Bürgerstiftungen laufend ihr Stiftungskapital ausbauen. Sie verstehen sich als moderne, partizipative Form des Stiftens. Warum setzt sich in der Schweiz dieses Modell nicht durch? The Philanthropist hat mit Nils Güggi, dem Direktor der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht, und mit Professor Georg Schnurbein, Direktor des Center for Philanthropy Studies (CEPS) in Basel gesprochen.
Mitmach-Stiftungen mit wachsender Wirkung
Die Zahl der Bürgerstiftungen in Deutschland wächst gemäss dem Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschlands. Rund 400’000 Menschen engagieren sich aktuell aktiv in 435 Bürgerstiftungen mit Zeit, Geld und Ideen. Das Stiftungskapital beträgt 684 Millionen Euro steigend, und ihre Fördersumme seit 1996 beläuft sich auf 338 Millionen Euro. Ein Schlüsselrolle spielen genossenschaftliche Volksbanken und Banken. Sie unterstützen 90 Prozent der deutschen Bürgerstiftungen finanziell und sie haben auch aktiv Stiftungen mit gegründet.
Gibt es Bürgerstiftungen in der Schweiz?
Rechtlich wären Bürgerstiftungen auch in der Schweiz möglich. Nils Güggi, Direktor der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht, gibt zu bedenken: «Das Schweizer Stiftungsrecht bietet flexible Möglichkeiten, lokale Stiftungen zu gründen, die unterschiedliche gemeinnützige Zwecke verfolgen.» Dass sich die Form der Bürgerstiftung in der Schweiz nicht ergibt, liegt laut Güggi an den bestehenden Strukturen des zivilgesellschaftlichen Engagements, die viele Funktionen der Bürgerstiftungen in Deutschland bereits abdecken würden. «Wir haben in der Schweiz eine enorm hohe Stiftungsdichte und bewährte Alternativen wie gemeinnützige Vereine, lokale Gesellschaften oder Genossenschaften», erklärt Güggi. Georg von Schnurbein vom CEPS Basel sieht die historische Kontinuität in der Schweiz als entscheidenden Faktor: «Stiftungsähnliche Strukturen wie Zünfte, Sozialfonds und lokale Hilfsgesellschaften wurden über Generationen vererbt und prägen das Engagement. Es bestand nie die Notwendigkeit, das Rad neu zu erfinden.»
Gesellschaftliche und politische Besonderheiten
In Deutschland werden Bürgerstiftungen häufig als «lokales Korrektiv» eingesetzt, um den Einfluss von übergeordneten politischen Gremien auszugleichen. Gerade Gemeinden mit begrenztem finanziellen Spielraum nutzen Bürgerstiftungen, um Entscheidungen vor Ort basisnah zu treffen. Die Schweiz hingegen hat eine andere Ausgangslage: Dank finanzieller Autonomie der Gemeinden und direkter Demokratie kommt dieses Bedürfnis laut Schnurbein kaum auf. Er sagt: «Die Bürger:innen besitzen bereits starke Mitsprachemöglichkeiten, weshalb Bürgerstiftungen hier nicht die gleiche Rolle einnehmen können.»
Darüber hinaus hat die Einfachheit, mit der in der Schweiz eigene Stiftungen gegründet werden können, eine ähnliche Funktion wie die Bürgerstiftungen in Deutschland. Laut Schnurbein haben Dachstiftungen wie die Stiftung Lebensraum Aargau oder die ZKB Foundation bereits Strukturen geschaffen, die auf lokaler Ebene wie Bürgerstiftungen wirken.
Ist die Zukunft eine gemeinschaftsbasierte Philanthropie?
Mit Blick in die Zukunft scheint eine breite Etablierung von Bürgerstiftungen in der Schweiz zwar unwahrscheinlich, doch hybride Formen der Philanthropie könnten einen intensiveren Zuspruch finden. «Kooperationen zwischen Stiftungen, der Zivilgesellschaft und privaten Akteuren sind Potenziale, die wachsen könnten», so Güggi. Dies hängt laut Schnurbein jedoch auch von möglichen Veränderungen seitens des Staates ab. In den letzten Jahrzehnten habe der Staat viele Aufgaben übernommen, die mal philanthropisch finanziert wurden, weshalb diese solidarische Form der gegenseitigen Hilfe heute weniger relevant sei. «Sollte sich der Staat aus gewissen sozialen Aufgaben zurückziehen, werden neue Modelle des Engagements entstehen. Gemeinschaftsorientierte Philanthropie hat historisch immer eine Rolle gespielt, auch vor der Entwicklung des sozialen Wohlfahrtsstaates.» Die gesellschaftlichen Voraussetzungen hierfür müssen jedoch erst geschaffen werden. Sichtbarkeit und gesellschaftliche Wertschätzung solcher Modelle könnten ein entscheidender Faktor sein.
Es bleibt spannend
Bürgerstiftungen gelten in Deutschland als dynamische und erfolgreiche Form des lokalen Engagements. In der Schweiz hingegen füllen verschiedene kulturell und historisch gewachsene Strukturen sowie die politische Gemeindeautonomie mit weitreichenden finanziellen Kompetenzen den Raum, den Bürgerstiftungen in Deutschland einnehmen. Was die Zukunft bringen wird, bleibt offen. Sollten sich gesellschaftliche und staatliche Rahmenbedingungen verändern, könnten neue Formen gemeinschaftsorientierter Philanthropie entstehen, sei es in Form der Bürgerstiftungen oder einer anderen hybriden Gestaltung.

