Im Mai hat Boris Siegenthaler, Gründer des Schweizer Cloud-Unternehmens Infomaniak, die Stimmrechte des Unternehmens in eine gemeinnützige Stiftung übertragen. Ein Schritt, der weit über eine blosse Nachfolgeplanung hinausgeht. Es geht um digitale Souveränität und lokales Unternehmertum.
The Philanthropist: Was hat Sie dazu bewogen, die Mehrheit der Stimmrechte Ihres Unternehmens Infomaniak an eine Stiftung zu übertragen?
Boris Siegenthaler: Es ging mir vor allem darum, die solideste und dauerhafteste Lösung für die Zukunft von Infomaniak zu finden, eine Struktur, die sehr langfristig Bestand hat, unabhängig von einzelnen Personen. Ich wollte diese Last auch nicht meinen Angehörigen aufbürden: Ein Unternehmen dieser Grösse zu vererben bedeutet, den Erben eine enorme Verantwortung zu übertragen, die sie nicht gewählt haben. Die Stiftung regelt das in aller Ruhe. Sie schützt die Unabhängigkeit von Infomaniak und garantiert über ihre Charta unseren Kundinnen und Kunden, dass ihre Daten souverän bleiben und unser Know-how niemals zerschlagen oder ins Ausland verlagert wird.
Mit der Stiftung ist die Nachfolge nun gesichert?
Ja. Die Struktur ist so angelegt, dass das Unternehmen ohne mich funktioniert und seiner Mission treu bleibt. Heute präsidiere ich den Stiftungsrat noch selbst, um die Maschine in Gang zu bringen, aber in zwei Jahren ziehe ich mich zurück und nehme nur noch auf Einladung teil. Ein gesundes Unternehmen darf für seinen Fortbestand nicht von seinem Gründer abhängen, das ist sogar der beste Beweis dafür, dass es solide ist.
Diese Stabilität überzeugt auch langfristig orientierte Investoren.
Boris Siegenthaler
Was waren die Herausforderungen?
Die grösste Herausforderung war die Dauer und die Feinheit der Konstruktion. Es brauchte rund zwei Jahre Austausch mit der Steuerbehörde, um zwei getrennte Dinge sauber aufzugleisen: auf der einen Seite die Statuten der Stiftung, auf der anderen die Charta, die ihre Beteiligung an der Infomaniak Group regelt. Das ist ein langer, heikler und wichtiger Prozess, denn jedes Element musste juristisch solide und mit den anderen stimmig sein. Als das Ganze sauber stand, öffnete sich der Weg.
War ein Verkauf jemals eine Option?
Seit rund 30 Jahren erhalte ich ernsthafte Kaufangebote. Gerade weil sie nie aufhören werden, wollte ich einen Verkauf verunmöglichen. Ein Verkauf hätte bedeutet, unsere Kundinnen und Kunden einem ausländischen Konzern auszuliefern, mit dem Ende unserer technologischen Unabhängigkeit als Folge. Ursprünglich hatte ich das Aktionariat für die Mitarbeitenden geöffnet. Die Idee war richtig, erwies sich aber als fragil.
Warum?
Wenn Mitarbeitende das Unternehmen verlassen, müssen ihre Aktien zurückgekauft werden, das bindet dauerhaft Kapital. In einer Wachstumsphase wird das zur Bremse. Die Stiftung löst das an der Wurzel: Der Ankeraktionär ist stabil, dauerhaft. Diese Stabilität überzeugt auch langfristig orientierte Investoren.
Welche Werte sichert die Stiftung?
Man muss zwei Ebenen unterscheiden, die oft verwechselt werden. Die Stiftung hat zunächst ihre eigenen Zwecke, festgehalten in ihren Statuten: Sie ist eine gemeinnützige Stiftung mit einer eigenen Mission, nämlich ein souveränes, nachhaltiges und verantwortungsvolles digitales Umfeld zu fördern. Das ist ihre erste Rolle als Institution.
Zudem, und das ist davon getrennt, ist sie Ankeraktionärin der Infomaniak Group. In dieser Funktion ist sie die Garantin der Charta, die ich für das Unternehmen erstellt habe. Diese Charta legt die konkreten Verpflichtungen von Infomaniak fest: die digitale Souveränität, das heisst den Code und die Infrastruktur zu beherrschen, damit kein Kunde von einer ausländischen Blackbox abhängt; die Verankerung von Know-how und Arbeitsplätzen in der Schweiz; den Schutz der Kunden, deren Daten niemals ohne Zustimmung zum Training fremder KI verwendet werden; und die Nachhaltigkeit mit der Nutzung der Abwärme unserer Rechenzentren.
Mit anderen Worten: Die Statuten sagen, was die Stiftung ist und was sie verfolgt; die Charta sagt, was sie im Unternehmen, das sie hält, durchsetzt. Beide ergänzen sich, ohne sich zu vermischen. Diese Verpflichtungen sind keine frommen Wünsche, sondern echte Pflichten, und der radikalste Punkt bleibt, dass sämtliche Arbeitsplätze in der Schweiz bleiben – und dort, wo sich unsere Kundschaft aktiv entwickelt. Heute sind wir rund 340, und die Charta kann nur erweitert, niemals reduziert werden.
Insgesamt haben 36 Aktionärinnen und Aktionäre ihre Stimmrechte an die Stiftung übertragen, zudem wurden 15 Prozent des Unternehmenswerts in die Stiftung eingebracht.
Geht es Ihnen vor allem um den Erhalt der Arbeitsplätze?
Das ist eine Folge, nicht das Ziel. Die Priorität ist die technologische Souveränität im Dienst der Kunden. Daten in der Schweiz zu speichern genügt nicht, wenn die Software, die sie verarbeitet, amerikanisch ist: Dann verschiebt man die Abhängigkeit nur. Die Arbeitsplätze hier zu halten heisst, die Beherrschung von Code und Infrastruktur hier zu halten. Geht das Know-how weg, verliert der Kunde seine Garantie auf Unabhängigkeit. In Europa ist es selten, dass Rechenzentren und Softwareentwicklung in derselben juristischen Einheit vereint sind; bei uns schon. Und die Nachhaltigkeit gehört zum selben Engagement: Unsere Rechenzentren werden ohne Klimaanlage gekühlt, und das jüngste gewinnt seine Abwärme vollständig zurück – genug, um im Winter rund 6000 Haushalte zu heizen, oder umgerechnet 20’000 Duschen im Sommer.
Eine Stiftung ist starr. Hatten Sie keine Sorge, dadurch die Zukunft des Unternehmens einzuschränken?
Im Gegenteil. Was ein Unternehmen gefährdet, ist nicht die Stabilität, sondern das kurzfristige Denken. Diese Starrheit ist gerade die Garantie für unsere Kunden. In einer instabilen Welt müssen sie wissen, dass Infomaniak nie verkauft wird und ihre Daten auf demselben Boden, unter denselben Regeln bleiben. Die Charta macht aus der Einschränkung einen Vorteil: Wir sind der Partner, der niemals die Seite wechselt. Das verhindert nichts, wir können jederzeit Rechenzentren in Europa für unsere europäischen Kunden eröffnen.
Wie haben Investoren auf diesen Schritt reagiert?
Wir befürchteten, sie zu verschrecken; das Gegenteil trat ein. Versicherungen, Pensionskassen, alle, die langfristig denken, haben verstanden, dass die Charta ihre Investition vor den Unwägbarkeiten eines spekulativen Weiterverkaufs schützt. Wer auf schnellen Gewinn setzt, den schrecken wir ab, und das ist gut so. Mit dieser Struktur gibt es keinen guten oder schlechten Zeitpunkt für einen Einstieg: Wir wachsen im realen Takt des Unternehmens, nicht im Takt der Ankündigungen.
Und war die Reaktion der Mitarbeitenden? Einige besitzen auch Aktien?
Insgesamt haben 36 Aktionärinnen und Aktionäre ihre Stimmrechte an die Stiftung übertragen, zudem wurden 15 Prozent des Unternehmenswerts in die Stiftung eingebracht. Die Zustimmung war sehr breit.
Und wie stehen die Mitarbeitenden heute dazu?
Vor allem Stolz. Sie wissen, dass sie nicht für einen Investmentfonds arbeiten, sondern für eine gemeinnützige Mission. Viele suchen nicht einfach einen Arbeitsplatz, sondern eine sinnvolle Aufgabe. Unsere Rechenzentren funktionieren ohne klassische Klimaanlage, ohne Wasser und ausschliesslich mit erneuerbarer Energie; an Hitzetagen und angesichts der aufkommenden Bewegungen gegen den Bau neuer Rechenzentren spürt man ganz konkret, was diese Entscheidungen bedeuten.
Ein Unternehmen muss seinen Kunden, seinen Mitarbeitenden und seiner Umwelt dienen; die drei widersprechen sich nicht.
Warum ist Ihnen der Standort Schweiz so wichtig?
Weil digitale Souveränität eine physische Souveränität voraussetzt. Man kann die Sicherheit der Daten und die technologische Beherrschung nicht garantieren, wenn das Know-how ausgelagert ist. Für Brot gehen wir zum Bäcker um die Ecke und nicht in die USA; im Digitalen vergessen wir das. Jeder Onlinekauf im Ausland bedeutet, dass Wertschöpfung die Schweiz verlässt. Lokal konsumieren und produzieren, auch im Digitalen, ist die einzige Art, Arbeitsplätze und Know-how hier zu halten, gerade für die kommende Generation. Immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer verstehen das.
Würden Sie sich als Social Entrepreneur bezeichnen?
Ich weiss gar nicht, wie ich anders wirtschaften könnte, und ich sehe darin keine Tugend, sondern gesunden Menschenverstand. Ein Unternehmen muss seinen Kunden, seinen Mitarbeitenden und seiner Umwelt dienen; die drei widersprechen sich nicht. Ich möchte meinen Mitarbeitenden beim Apéro die Hand schütteln können, ohne den Blick abzuwenden. Die Charta hält nur diese Selbstverständlichkeit fest. Das gilt auch für die künstliche Intelligenz: Eine Technologie zählt nur durch den realen und sicheren Nutzen, den sie den Menschen bringt.
Sie bewegen sich in einem Markt, der von amerikanischen Technologiekonzernen dominiert wird.
Unsere Konkurrenz sind die GAFAM. Anfang der 2000er-Jahre glaubte ich noch, das Internet werde überall Akteure und Arbeitsplätze vervielfachen; das Gegenteil ist eingetreten. Daten und Macht konzentrieren sich auf eine Handvoll Unternehmen. Sie machen gute Produkte, schaffen aber wenig lokale Arbeitsplätze, und viel Geld verlässt die Schweiz in Form von Lizenzgebühren. Diese Konzerne sind längst keine reinen IT-Dienstleister mehr, sondern geopolitische Akteure. In der Demokratie hat man aus genau diesem Grund die Gewaltenteilung erfunden. Das Digitale braucht dasselbe Prinzip.
Die letzten Jahre haben gezeigt, wie riskant es ist, alles auf amerikanische Lösungen zu setzen.
Hat die Schweiz beziehungsweise Europa überhaupt noch die Chance auf digitale Souveränität?
Ja, und die Nachfrage beweist es: Wir haben im letzten Jahr rund hundert Personen eingestellt, und wohl ebenso viele im kommenden Jahr. Man braucht keine hundert Milliarden, um wettbewerbsfähig zu sein. Man braucht unabhängige europäische Lösungen, bis hin zu Chips und Prozessoren, mit Schweizer und europäischen Partnern und in Europa reinvestierter Wertschöpfung. Das ist Reindustrialisierung, und es sind Vertrauen und Know-how, mehr als Milliarden, die den Unterschied machen.
Sie glauben also, dass digitale Souveränität erreichbar ist?
Politisch bewegt sich viel. Die Europäische Union arbeitet mit dem Cloud and AI Development Act an einem Rahmen, und der Bundesrat hat mit der Direktive W012 Vorgaben gesetzt. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie riskant es ist, alles auf amerikanische Lösungen zu setzen. Das Bewusstsein ist da. Jetzt gilt es, es in die Praxis umzusetzen.
Mit der Stiftung haben Sie die Souveränität für Infomaniak gesichert. War dies ein persönlicher Entscheid oder standen Sie im Austausch mit anderen Unternehmern?
Es war meine Entscheidung. Aber die Struktur ist als Modell angelegt: Sie beweist, dass man ein Unternehmen, seine Kunden und sein Know-how langfristig schützen kann. Andere Unternehmerinnen und Unternehmer könnten sich davon inspirieren lassen, um ihre eigene Unabhängigkeit zu sichern. Souveränität baut man nicht allein auf.

