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Wenn Worte fehlen, setzt die Musik ein

Eine Frühgeburt stellt Familien vor eine Ausnahmesituation. Zwischen Monitoren, Geräuschen und vielen Unsicherheiten bleibt oft wenig Raum für das, was im Wochenbett sonst selbstverständlich ist: Nähe. Der Verein amiamusica bringt Musik auf die Neonatologie und verbindet so Eltern mit ihren Frühgeborenen.

Ein Baby kommt zu früh zur Welt. Das Frühgeborene und seine Eltern befinden sich plötzlich inmitten piepsender Geräte, unbekannter Stimmen und ungewohnter Abläufe. Mütter und Väter müssen sich in einer Situation zurechtfinden, auf die sie niemand wirklich vorbereiten kann. Berühren, halten, beruhigen, stillen: Vieles, was im Umgang mit einem Neugeborenen selbstverständlich scheint, ist unter diesen Umständen nicht einfach möglich.

Und dann ist da die Musik.

Musik von Anfang an

Dr. Friederike Haslbeck, Präsidentin von amiamusica, Musiktherapeutin und Forscherin

Sanfte Klänge und beruhigende Stimmen können Nähe schaffen, auch wenn ein Kind im Inkubator liegt. Der gemeinnützige Verein amiamusica engagiert sich ehrenamtlich mit Musik für früh- und krankgeborene Kinder und ihre Eltern. Verschiedene Studien belegen, dass diese Musiktherapie Frühgeborene bei ihrer Regulation unterstützen und auch das Wohlbefinden der Eltern positiv beeinflussen kann. «Musik schafft Nähe, wenn Berührung oder direkter Kontakt nicht möglich sind», sagt Dr. Friederike Haslbeck, Präsidentin von amiamusica, Musiktherapeutin und Forscherin. «Eltern können ihrem Kind mit ihrer Stimme zeigen: Ich bin da.» 

Musik schafft Nähe, wenn Berührung oder direkter Kontakt nicht möglich sind. Eltern können ihrem Kind mit ihrer Stimme zeigen: Ich bin da.»

Dr. Friederike Haslbeck

Hinter dem Verein amiamusica stehen ehrenamtlich arbeitende Eltern, Musiker:innen, Therapeut:innen, Fachärzt:innen und Pflegende. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen zusammen und machen Wissen über Musik und Frühgeburt zugänglich. Bereits im Krankenhaus soll dieses Knowhow Familien erreichen. Der Verein entwickelt Informations- und Anleitungsmaterialien, die Betroffene direkt im Alltag einsetzen können. Dazu gehören Liederbücher, die Eltern zum Singen und Musizieren mit ihrem Kind ermutigen. Auch online finden sich Fakten und Erfahrungswissen rund um Musik in der Neonatologie. «Wir wollen damit einerseits Wissen über die Wirkung und den sinnvollen Einsatz von Musik vermitteln», sagt Haslbeck, «gleichzeitig bestärken wir Eltern darin, selbst aktiv zu werden».

Eltern handlungsfähig machen

Dabei geht es nicht darum, dass Eltern möglichst viel Musik machen. Im Gegenteil: Auf der Neonatologie steht die individuelle Situation des Kindes im Zentrum. Das von amiamusica entwickelte Informationsmaterial zu Akustik, Stimme und Musik gibt deshalb einen klaren Grundsatz vor: Überstimulation vermeiden und die Bedürfnisse des einzelnen Kindes beachten. Wenn möglich, sollen Eltern ausserdem ihre eigenen Stimmen nutzen. Das kann für sie eine Möglichkeit sein, in einer oft schwierigen Zeit selbst aktiv zu werden.

«Viele Eltern fühlen sich nach einer Frühgeburt hilflos, weil sie kaum Kontrolle über die Situation haben», sagt Haslbeck. Medizinische Entscheidungen liegen bei Fachpersonen, der Alltag wird von Untersuchungen und Geräten bestimmt. «Musik kann hier eine andere Rolle übernehmen», so Haslbeck, «indem Eltern selbst singen, summen oder ihrem Kind ein Lied vorsingen.» Für die Präsidentin ist genau diese Alltagstauglichkeit entscheidend. Musik soll kein Programm sein, das Eltern zusätzlich bewältigen müssen. Sie soll sich in die Situation einfügen und nutzen, was schon da ist: die Stimme, ein Lied, viele gemeinsame Momente.

Niederschwelliges Spenden

Die Arbeit von amiamusica bringt Familien auch bei Veranstaltungen zusammen. Bei den Musik-Picknicks treffen sich Familien, hören Musik, singen und kommen miteinander ins Gespräch. Gerade für einen kleinen Verein ist das auch für die Finanzierung wichtig. amiamusica arbeitet ehrenamtlich und finanziert seine Projekte über Mitgliedsbeiträge, Spenden und Charity-Events. «Bei den Musik-Picknicks entstand deshalb eine einfache Idee: Wer etwas beitragen will, aber kein Bargeld dabeihat, kann trotzdem direkt vor Ort spenden», sagt Haslbeck.

An den Musik-Picknicks von amiamusica gemeinsam musizieren und Spenden sammeln.

Die Lösung lag in einem kleinen QR-Code. Über die Spendenplattform SpendenSchweiz können diese generiert werden. «Bei den Musik-Picknicks liegen nun Flyer mit einem QR-Code auf, über den man direkt mit dem Smartphone spenden kann.» Bei den ersten Aktionen zeigte sich, dass die Idee funktionierte. Von 34 Personen kamen rund 2400 Franken für amiamusica und ein Musikprojekt zusammen. «Inzwischen generieren wir an den digitalen Fundraising-Events höhere Spendenerlöse im Vergleich zu üblichen Barspenden», sagt Haslbeck. 

Die Präsidentin ist Fan von der Einfachheit: «Die QR-Codes erfordern keine komplexe Technik und machen das Spenden sehr niederschwellig.» Die digitale Lösung hält auch den administrativen Aufwand gering. Die Spenden werden über die Spendenplattform von Spheriq abgewickelt, Bestätigungen werden automatisch verschickt und amiamusica erhält die Auszahlung gebündelt. «Wer lieber auf herkömmlichem Weg spendet, kann natürlich weiterhin einen Einzahlungsschein oder die Spendenbox nutzen», so Haslbeck.

Eine Drehscheibe für Musik und Frühgeburt

Die Veranstaltungen von amiamusica zeigen, wie Musik Menschen miteinander verbindet. «Wir wollen nicht nur selbst Angebote entwickeln, sondern Menschen und Wissen zusammenbringen», erklärt Haslbeck. Eltern treffen auf Fachpersonen, Musiker:innen auf Therapeut:innen, Forschende auf Betroffene und Förderer auf Projekte. «Langfristig wollen wir zu einer zentralen Plattform und Drehscheibe rund um Frühgeburt und Musik in der Schweiz werden», sagt Haslbeck. Dafür brauche es mehr als einzelne Liederbücher oder Veranstaltungen. «Musik soll stärker in Gesundheits-, Sozial- und Bildungssystemen verankert werden. Dafür wollen wir neue Angebote gemeinsam mit den Zielgruppen entwickeln.» Diese Aufgabe gehe weit über das Musizieren hinaus. «Es geht um die Frage, wie Eltern in einer schwierigen Lebenssituation unterstützt werden können und welche Rolle sie selbst dabei übernehmen», sagt Haslbeck. 

Die meisten haben eine Stimme. Viele hören bereits während der Schwangerschaft mit ihrem Ungeborenen Lieder. Kinder im Mutterleib hören Melodien und spüren Rhythmen. Es sind Ressourcen, die gemeinsame Momente der Nähe schaffen.

Dr. Friederike Haslbeck

Und doch scheint gerade die Einfachheit die besondere Zutat im Rezept von amiamusica zu sein: Musik wird als etwas sehr Einfaches verstanden, das Menschen bereits mitbringen. «Die meisten haben eine Stimme. Viele hören bereits während der Schwangerschaft mit ihrem Ungeborenen Lieder. Kinder im Mutterleib hören Melodien und spüren Rhythmen. Es sind Ressourcen, die gemeinsame Momente der Nähe schaffen», so Haslbeck. Für Familien nach einer Frühgeburt kann daraus eine Form von Nähe entstehen, die nicht von medizinischen Geräten oder Fachwissen abhängt. Und für das Kind ein vertrauter Klang in einer Umgebung, in der vieles fremd ist.

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