Ein neuer Report des Vereins The Creator Press veröffentlicht erstmals Daten zur Lage des Creator-Journalismus im DACH-Raum. Die Autorinnen zeigen, wie sich das noch junge Berufsfeld entwickelt und welche Rolle die Philanthropie dabei spielen könnte.
Bild: Raphaela Pichler
Es fehlten ihnen Daten zum Creator-Journalismus, deshalb initiierten sie einfach selbst einen Report. Kerstin Hasse und Gabriella Alvarez-Hummel zählen sich als Creator-Journalist:innen selbst zum noch jungen und schwer greifbaren Berufsfeld. Mit ihrem Verein The Creator Press starteten sie Anfang Jahr eine Umfrage. Der neu erschienene Creator-Journalismus-Report, unterstützt von der Stiftung Mercator Schweiz, fasst die Ergebnisse zusammen.

Zwischen Journalismus und Unternehmertum
Creator-Journalist:innen übernehmen mehrere Rollen gleichzeitig. Sie recherchieren, führen Interviews, prüfen Quellen und ordnen Informationen ein. Gleichzeitig bereiten sie Inhalte für digitale Plattformen auf, kümmern sich um ihre Community und müssen sich mit Marketing, Strategie und Distribution beschäftigen. Als Selbständige kommen administrative Aufgaben hinzu: Um Buchhaltung, Verträge, Versicherungen und Steuern müssen sie sich ebenfalls selbst kümmern. Mehr als zwei Drittel der Befragten identifizieren sich deshalb mit mehreren Berufsbezeichnungen. Am häufigsten sind «Journalist:in», «Creator-Journalist:in» und «Unternehmer:in». 76 Prozent können sich mit dem Begriff Creator-Journalist:in identifizieren.
Was Hasse und Alvarez-Hummel an den Ergebnissen besonders überrascht hat, ist der starke intrinsische Antrieb der Befragten. Auf Nachfrage erklären die beiden, diese Leidenschaft für den Journalismus sei zwar nicht überraschend, jedoch hemme sie manche:n Creator-Journalist:in offenbar dabei, unternehmerisch zu denken. «Sie nehmen sich zurück, wenn es darum geht zu sagen: Ich muss damit auch Geld verdienen», sagen die Autorinnen.
Bislang kein tragfähiges Geschäftsmodell
Die Mehrfachrolle hat ihren Preis. 77,2 Prozent der Befragten nennen die Finanzierung bzw. Monetarisierung als grösste Herausforderung. Für manche bleibt entsprechend wenig Zeit für die eigentliche journalistische Arbeit. Die deutsch-türkische Journalistin und Unternehmerin Nalan Sipar etwa gibt im Gespräch mit Hasse und Alvarez-Hummel an, rund 70 Prozent ihrer Arbeitszeit für Förderanträge, Investorengespräche und B2B-Sales aufzuwenden. Nur 30 Prozent bleiben ihr für den Journalismus.
Der Genfer Lokaljournalist Thibaud Mabut setzt auf mehrere Einnahmequellen. Rund 300 Unterstützer:innen zahlen ihm in einem Abo-Modell im Durchschnitt zehn Franken pro Monat für zusätzliche Inhalte. Davon kann er derzeit noch nicht leben. Daher unterrichtet und moderiert er zusätzlich, gibt Workshops und arbeitet mit Sponsor:innen.
Die Autorinnen sehen darin kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles: Ein Berufsfeld, das stark von Leidenschaft und Eigeninitiative lebt, verfügt bislang nur über wenige tragfähige wirtschaftliche Strukturen.
Journalistische Standards so gut wie möglich erfüllen
Dass Creator-Journalismus trotzdem journalistische Standards erfüllen kann, steht für die Autorinnen ausser Frage. «Fast 95 Prozent der Befragten geben an, sich an journalistische Standards zu halten», sagen sie. Dazu gehören unter anderem Quellenprüfung, das Mehrquellenprinzip, eine transparente Korrekturpraxis und Offenheit über Finanzierungen.
Rund die Hälfte dieser 95 Prozent machen dies «konsequent» und die andere Hälfte «so gut wie möglich». Die Autorinnen sehen darin vor allem eine Folge der begrenzten Ressourcen. «Als Creator-Journalist:in ist man häufig Einzelkämpfer:in. Diese Zahlen zeigen vor allem: Sie arbeiten nach denselben Werten wie klassische Redaktionen, bloss ohne deren Ressourcen oder ohne deren Infrastruktur», sagen Hasse und Alvarez-Hummel.
Über 70 Prozent fühlen sich von Medienhäusern nicht ernst genommen
Die Frage nach der Unabhängigkeit stellt sich auch bei Kooperationen mit klassischen Medienhäusern. Laut Report können sich viele Creator-Journalist:innen eine Zusammenarbeit vorstellen. Gleichzeitig fühlen sich über 70 Prozent gar nicht oder nur teilweise von Medienhäusern ernst genommen. Dabei werden Creators für den Nachrichtenkonsum immer wichtiger. Dieser verschiebt sich zunehmend auf soziale Medien und Videoplattformen. Laut dem Reuters Digital News Report beziehen mittlerweile mehr als ein Viertel der Konsument:innen ihre Nachrichten von Creators.
Bei möglichen Kooperationen legen viele Medienhäuser Wert auf die Trennung von journalistischen und wirtschaftlichen Interessen. Gleichzeitig finanzieren sich auch klassische Medien zu einem grossen Teil über Werbung. Für Hasse und Alvarez-Hummel liegt darin ein Widerspruch: «Medienhäuser nehmen Creators als Journalist:innen wenig ernst, werfen ihnen unter Umständen gar vor, dass sie Werbung machen – in der Praxis nutzen die Medienhäuser journalistische Creators jedoch hauptsächlich als Werbekanal».
Die Autorinnen glauben, eine Zusammenarbeit ist möglich. Entscheidend seien klare vertragliche Richtlinien für beide Seiten. Medienhäuser müssten prüfen, ob ein Creator zum eigenen Profil passe, während Creator-Journalist:innen klar machen müssten, dass sie Geld zum Überleben brauchen. «Am Ende muss man sich auf Augenhöhe begegnen und Lösungen finden, die für beide fair sind», so die Autorinnen.
Funders können Strukturen und Netzwerke schaffen
Der Report zeigt auch, welche Rolle die Philanthropie bei der Entwicklung des Creator-Journalismus spielen könnte. Hasse und Alvarez-Hummel empfehlen Funders, die wirtschaftliche Tragfähigkeit von Creator-Projekten gerade in der entscheidenden Aufbauphase zu unterstützen. Statt Creator-Journalist:innen einzeln zu finanzieren, könnten Förderorganisationen auch gemeinsame Infrastruktur schaffen und so das «teure Drumherum» wie Rechtsberatung oder Marketing-Tools übernehmen. Gleichzeitig könnten sie Creators stärker miteinander vernetzen.
Doch die Suche nach der passenden Förderung auf Seiten der Creators kostet Zeit. Gerade kleine, unabhängige Akteur:innen müssen sich mit unterschiedlichen Förderlogiken, Antragsverfahren und Anforderungen auseinandersetzen. Auch deshalb finden die Autorinnen, dass es sich für Funders lohnt, in Netzwerke und geteilte Strukturen zu investieren: «Wenn alle als Einzelkämpfer:innen arbeiten, geht viel Energie und Know-How verloren. Viele Creators hätten bestimmt weniger administrativen Aufwand, wenn sie vom Wissen und den Erfahrungen anderer profitieren könnten.»
Der Report macht deutlich: Creator-Journalist:innen wollen den Journalismus nicht aufgeben. Damit daraus aber ein tragfähiges Berufsfeld entstehen kann, braucht es neben Eigeninitiative auch Strukturen, die diese Form des Journalismus ermöglichen.

