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Die Zukunft der Philanthropie hängt von ihrer moralischen Vorstellungskraft ab

Was wäre, wenn das grösste Hindernis für positiven Wandel nicht ein Mangel an Ressourcen, sondern an Vorstellungskraft wäre? Für Phoebe Tickell ist «moralische Vorstellungskraft» die Grundlage dafür, sich eine Zukunft jenseits der bestehenden Systeme vorzustellen. Vor ihrem Vortrag auf dem SwissFoundations Symposium 2026 erklärt sie, warum diese Fähigkeit für die Philanthropie entscheidend ist.

Phoebe Tickell, Ihre Keynote beim SwissFoundations Symposium trägt den Titel «Moral Imagination: The Missing Infrastructure». Warum sehen Sie Vorstellungskraft als das fehlende Puzzleteil für die Schaffung sinnvoller Veränderungen?

Mit Vorstellungskraft können wir uns Zukunftsszenarien vorstellen, die von unseren tiefsten Werten geprägt sind. Und die über das hinausgehen, was heute existiert.

Das müssen Sie genauer erklären!

Phoebe Tickell, Gründerin und Direktorin von Moral Imaginations

Während Systeme, Tools und Daten uns helfen, bestehende Strukturen zu optimieren, ermöglichen sie uns selten, diese Strukturen ganz zu überwinden. Sinnvolle Veränderungen erfordern nicht nur verbesserte Prozesse, sondern auch einen kollektiven Sprung in die Vorstellungskraft – eine Veränderung dessen, was wir gemeinsam für möglich halten und wie wir die Welt sehen. Ohne diese Fähigkeit besteht die Gefahr, dass wir einfach nur die gleichen Muster effizienter fortsetzen. Es ist wie bei der berühmten Idee des Mönchs und Schriftstellers Thomas Merton: Menschen verbringen ihr Leben damit, die Erfolgsleiter hinaufzusteigen, nur um oben festzustellen, dass die Leiter an der falschen Wand lehnt.

Warum wird das zu einem strukturellen Problem?

Weil wir immer wieder gute Strategien auf eine Basis aufbauen, die nicht existiert. Stiftungen, NGOs, Initiativen – wir alle – sind hervorragend darin, Probleme zu diagnostizieren, Veränderungstheorien zu entwickeln, Koalitionen zu bilden und Indikatoren zu verfolgen. Was uns jedoch viel weniger gut gelingt, ist eine andere Zukunft zu imaginieren, an ihre Möglichkeit zu glauben und daraus konkrete Schritte für die Gegenwart zu entwickeln. Sind die beteiligten Menschen in der Lage, sich in eine Zukunft hineinzuversetzen, die wirklich für alle funktioniert – und die tatsächlich anders ist? Entwickeln sie den Wandel im Einklang mit den tieferen Narrativen und grundlegenden Veränderungen unseres Weltbilds, die uns zu einer anderen Zukunft führen? Glauben sie, dass diese Zukunft möglich ist, und können sie sie anderen so beschreiben, dass sich daraus konkrete Schritte für die Gegenwart ableiten lassen? Diese Fähigkeit nenne ich moralische Vorstellungskraft.

Vorstellungskraft ist aber noch keine Strategie.

Nein, aber sie ist eine Infrastruktur und eine Fähigkeit, die wirklich wirkungsvolle Strategien überhaupt erst ermöglicht. Ich bezeichne sie bewusst als Infrastruktur, weil Infrastruktur etwas ist, das man nicht bemerkt, bis es fehlt, und dann nichts mehr funktioniert. Sie können die bestfinanzierte Klimapolitik-Beratungsfirma der Welt gründen; aber ohne die Fähigkeit, sich eine lebenswerte Zukunft vorzustellen, bleibt Ihr Fokus auf Schadensbegrenzung statt auf wirklicher Veränderung. Ohne diese Fähigkeit werden Ergebnisse darauf hinauslaufen, den Niedergang zu verwalten, statt etwas wirklich Neues zu gestalten. Moralische Vorstellungskraft ist nicht einfach ein Zusatz zur Strategie – sie ist die Basis, auf der die Strategie aufbaut.

Moralische Vorstellungskraft ist nicht einfach ein Zusatz zur Strategie – sie ist die Basis, auf der die Strategie aufbaut.

Phoebe Tickell

Was ist Imagination Activism und wie unterscheidet es sich von traditionellem Aktivismus?

Imagination Activism ist die bewusste, kollektive und methodische Nutzung der Vorstellungskraft als Hebel für systemischen Wandel. Traditioneller Aktivismus konzentriert sich in der Regel auf den Widerstand: Er benennt das, was falsch läuft und mobilisiert Kräfte gegen das Problem. Diese Arbeit ist wichtig und ich habe die grösste Achtung davor. Sie hat jedoch eine strukturelle Schwäche: Sie ist sehr gut darin zu benennen, was nicht gut ist, aber formuliert keine Alternativen. Imagination Activism beginnt am anderen Ende. Er fragt: «Wie fühlt sich die Welt an, die wir wirklich wollen? Wie klingt sie? Wie wird sie regiert?» Von dieser Vision ausgehend entstehen Koalitionen, Geschichten und Institutionen, die uns dorthin bringen können. Es geht weniger darum, gegen das bestehende System zu kämpfen, als gemeinsam ein neues zu entwerfen und aufzubauen. Es geht darum, gemeinsam von einer anderen Zukunft zu träumen, ihre mögliche Alternative zum bestehenden System ins Leben zu rufen und sie dann aufzubauen.

Kann man Vorstellungskraft üben?

Absolut – und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft, die ich in jedem Raum vermitteln möchte. Die meisten Erwachsenen betrachten Vorstellungskraft als eine feste Eigenschaft: Man hat sie entweder oder man hat sie nicht. Wenn man sie nicht hat, ist das einfach ein Teil der eigenen Persönlichkeit. In der Praxis ist es eher wie ein Muskel. Er verkümmert durch mangelnde Nutzung und wird durch gezieltes Training stärker.

Wie trainiert man diesen Muskel?

In der Praxis gibt es verschiedene Wege, diese Fähigkeit zu stärken. Ein wichtiger Schritt ist, Visionen zu entwickeln, ohne sie sofort auf ihre Machbarkeit zu prüfen – also das Träumen bewusst von der Umsetzung zu trennen. Genau diese Vermischung ist in institutionellen Kontexten oft ein Kreativitätskiller. Ebenso wichtig ist es, Perspektiven zu wechseln, nicht nur mit dem analytischen Verstand, sondern auch mit Wahrnehmung, Gefühlen und dem eigenen Körper zu arbeiten – etwa mit Körper und Händen – und Vorstellungskraft gemeinsam in diversen Gruppen zu entwickeln. Denn unser Umfeld prägt, was wir für möglich halten. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie wir uns die Zukunft vorstellen, sondern auch mit wem.

Sie beschreiben viele der heutigen Ressourcenprobleme als «Probleme der Vorstellungskraft». Was meinen Sie damit?

Ich meine damit, dass Knappheit sehr oft nicht durch einen tatsächlichen Mangel an Ressourcen entsteht, sondern durch einen Mangel an Vorstellungskraft. Knappheit ist also häufig eher das Ergebnis mangelnder Vorstellungskraft als eines tatsächlichen Ressourcenmangels. Nehmen wir die Philanthropie als Beispiel: In Stiftungen liegt mehr Kapital, als die meisten sozialen Initiativen jemals erhalten werden. Das eigentliche Problem ist daher oft nicht das Geld, sondern dass Fördernde und Geförderte sich noch nicht vorstellen können, was möglich wäre, wenn transformative Arbeit mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet wäre. So orientieren sich Gesuche und Förderbeiträge oft am Machbaren statt am Möglichen – oder an dem, was wahrscheinlich finanziert wird, statt an dem, was gewünscht oder tatsächlich möglich wäre.

Das eigentliche Problem ist daher oft nicht das Geld, sondern dass Fördernde und Geförderte sich noch nicht vorstellen können, was möglich wäre, wenn transformative Arbeit mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet wäre.

Phoebe Tickell

Viele Stiftungen legen Wert auf messbare Ergebnisse. Wie können sie auch Raum für Imagination schaffen?

Es gibt viele Möglichkeiten, wie Stiftungen ihr Vorstellungsvermögen ausdehnen können. Sie können explorative «Blue-Sky»-Ansätze fördern und finanzieren, anstatt sich nur auf bereits erprobte Modelle zu konzentrieren. Sie können auch eine Kulturveränderung in der Philanthropie selbst anstossen: Sie können Imaginationsübungen in Meetings, Konferenzen und Retreats integrieren und ihre Arbeit stärker von einer Vorstellung der Zukunft leiten lassen, die sie gestalten möchten – statt sich nur auf die Probleme zu konzentrieren, die sie lösen wollen. Sie können ihre Rolle darin sehen, Vorstellungskraft freizusetzen, statt den Zugang zu Ressourcen zu kontrollieren. Sie können Förderpartner dazu ermutigen, über unmittelbare Ergebnisse hinauszudenken und ambitioniertere Ziele zu formulieren. Ausserdem können sie Räume für Reflexion und gemeinsames Sinnstiften unter ihren Partnern schaffen, ihre eigenen Annahmen und Grenzen offenlegen und aktiv dazu einladen, diese zu hinterfragen.

Ist das innerhalb bestehender Förderstrukturen überhaupt realistisch?

Ja, aber die Förderung soll nicht nur auf Ergebnisse fokussieren, sondern auch Prozesse und gemeinsame Infrastrukturen ermöglichen – und ein erweitertes Verständnis entwickeln, wie Wirkung gemessen wird. Einige der wirkungsvollsten Förderentscheide, die ich erlebt habe, kamen von Stiftungen, die bereit waren, in die imaginative Arbeit und in die Beziehungsarbeit im Vorfeld messbarer Ergebnisse zu investieren. Sie vertrauten darauf, dass bessere Grundlagen langfristig zu mehr Wirkung führen.

Was sollen die Teilnehmenden des Schweizer Stiftungssymposiums aus Ihrer Keynote mitnehmen?

Im Idealfall zwei Dinge. Erstens eine neue Perspektive: dass Vorstellungskraft kein «Nice-to-have» neben der eigentlichen Arbeit ist. Sie ist eine Infrastruktur, von der diese Arbeit bereits abhängt. Deshalb lohnt es sich, sie bewusst zu fördern, statt sie dem Zufall zu überlassen.

Zweitens etwas Persönliches: Ich möchte, dass die Menschen den Raum verlassen und Imagination tatsächlich erlebt und praktiziert haben – nicht nur, dass sie davon gehört haben. Sie sollen ein Gefühl dafür entwickeln, was möglich wird, wenn eine Gruppe sich die echte Erlaubnis gibt, über die aktuellen Grenzen hinauszudenken. Wenn jemand den Raum verlässt und im kommenden Jahr auch nur eine Förderentscheidung anders trifft – etwa ein Treffen oder einen Retreat finanziert statt nur den Bericht, einen mutigeren Vorschlag für ambitionierten und wirklich wirkungsvollen Wandel unterstützt statt den sichersten –, dann ist genau das die Wirkung, die ich mir wünsche.

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