Aktuelle Erhebungen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen und der Stiftungsinitiative #VertrauenMachtWirkung beleuchten die Förderpraxis aus Sicht von Stiftungen und geförderten Organisationen. Die Beobachtungen sind nicht neu. Sie machen deutlich, wie eine gute Kommunikation und damit auch eine starke digitale Infrastruktur langfristige Förderbeziehungen begünstigen.
Was brauchen Geförderte, was bieten Stiftungen? Mit dieser Frage haben die Stiftungsinitiative #VertrauenMachtWirkung und der Bundesverband Deutscher Stiftungen die aktuelle Förderpraxis aus zwei Perspektiven untersucht. Die Ergebnisse des FörderMonitors 2026 und des Stiftungspanels zeigen fünf Spannungsfelder: den Stellenwert von Innovation, Transparenz im Förderprozess, Dauer von Förderzusagen, unterschiedliche Förderformen und die Frage, wie Vertrauen in der Zusammenarbeit entstehen kann.
Vieles davon ist im Stiftungssektor nicht neu. Die Erhebungen zeigen vor allem, dass sich die Erfahrungen und Erwartungen von Geförderten und Stiftungen nicht immer decken, aber auch nicht diametral auseinandergehen. Was dabei besonders überraschend ist und welche Faktoren für langfristige Förderbeziehungen wichtig sind, erläutern Fabienne Tissot von #VertrauenMachtWirkung und Luise Burkhardt vom Bundesverband Deutscher Stiftungen im Gespräch mit Spheriq.
Innovation als Förderkriterium
Für Luise Burkhardt, Referentin Daten und Analyse beim Bundesverband Deutscher Stiftungen, zeigt sich in den Ergebnissen vor allem, dass die Ziele von Stiftungen und Geförderten häufig gar nicht so weit auseinanderliegen. «Beide Seiten legen beispielsweise Wert auf langfristige Beziehungen und einen engen Austausch», sagt sie. «Spannungen entstehen eher bei der konkreten Ausgestaltung, beispielsweise bei der Dauer finanzieller Zusagen, der Mittelverwendung oder den Anforderungen an Rechenschaft.»
Vor allem beim Thema Innovation sieht Burkhardt eine deutlich unterschiedliche Wahrnehmung. «Viele Organisationen erleben hier Druck, während Innovation laut Stiftungspanel nur für einen Teil der Stiftungen ein besonders wichtiges Förderkriterium ist.»

Auch Fabienne Tissot, Leiterin von #VertrauenMachtWirkung, war überrascht, dass viele geförderte Organisationen einen «Innovationszwang» wahrnehmen. «Die Umfrage zum FörderMonitor 2026 enthielt keine Frage zu Innovation», sagt sie. Trotzdem tauchte das Thema in den offenen Antworten immer wieder auf. «Förderpartner kritisierten, dass Stiftungen zu stark darauf fokussiert wären, neue Ideen zu fördern, statt erwiesen wirksame Ansätze in die Breite zu tragen», sagt Tissot. Geförderte hätten das Gefühl, das Rad immer wieder neu erfinden zu müssen.
Transparenz beginnt vor dem Antrag
Ein ähnliches Spannungsfeld zeigt sich bei der Transparenz. Für 70 Prozent der im FörderMonitor befragten Organisationen ist es wichtig, dass Stiftungen Informationen zu ihren Förderkriterien und zum Förderprozess veröffentlichen. Für Tissot ist das nachvollziehbar: «Die Ressourcen aller Organisationen sind beschränkt». Eine unklare Kommunikation der Förderkriterien führe zu Mehrarbeit auf beiden Seiten. «Organisationen verfassen Anträge, die nicht passen und Stiftungen müssen Anträge bearbeiten, die nicht passen.»
Beide Seiten legen beispielsweise Wert auf langfristige Beziehungen und einen engen Austausch.
Luise Burkhardt
Auch die Zahlen des Stiftungspanels weisen auf diese Lücke hin. «Knapp 60 Prozent der Stiftungen verfügen zwar über feste Förderkriterien, aber nur etwa die Hälfte veröffentlicht diese», sagt Burkhardt. Für Organisationen sei es dadurch schwieriger einzuschätzen, ob ein Vorhaben grundsätzlich zu einer Stiftung passt. «Besonders wichtig ist Transparenz dort, wo Organisationen eigeninitiativ Anträge stellen können», so Burkhardt. Entsprechend ist sie in den «Grundsätzen guter Stiftungspraxis» des Bundesverbands als Teil verantwortungsvollen Stiftungshandelns verankert. «Bei Stiftungen mit offenen oder formalen Antragsverfahren sollten die zentralen Förderkriterien deshalb klar formuliert und zugänglich sein», sagt Burkhardt. Davon profitierten auch die Stiftungen selbst, weil unpassende Anfragen und Missverständnisse reduziert werden könnten.
Dazu gehört für Tissot auch die Information darüber, wenn Stiftungen aktuell keine Anträge annehmen. So könnten Organisationen vermeiden, Ressourcen in Bewerbungen zu investieren, die aufgrund eines Antragsstopps oder bereits ausgeschöpfter Mittel keine Aussicht auf Erfolg haben. «Allerdings zeigen uns die Ergebnisse, dass im Durchschnitt bereits 65 Prozent der eingehenden Anträge bewilligt werden», sagt Burkhardt, «bei kleineren Stiftungen mit einem Förderbudget von weniger als einer Million Euro sogar 72 Prozent.»
Gemeinsam langfristig planen
Besonders deutlich wird die Spannung zwischen Förderpraxis und den Bedürfnissen der geförderten Organisationen bei der zeitlichen Perspektive. 81 Prozent der befragten Organisationen wünschen sich mehrjährige Förderungen. Gleichzeitig gilt eine Förderzusage laut Stiftungspanel im Durchschnitt nur für rund zwei Jahre, während die durchschnittlich berichtete maximale Dauer der Zusammenarbeit zwischen Stiftung und Organisation bei etwa zehn Jahren liegt.
Tissot weist dabei auf die Ressourcen der geförderten Organisationen hin: «Geförderte folgen der Logik der Förderer und richten auch ihre Anfragen danach aus – es muss also auch von Seiten der Stiftung klar sein, dass mehrjährige Programme oder Organisationsstrukturen und nicht nur Projekte gefördert werden.»
Langfristige Förderung ist für Luise Burkhardt damit auch eine Frage gemeinsamer Planung und frühzeitiger Abstimmung. «Stiftungen müssen längerfristige Zusagen in ihre eigenen Budget- und Entscheidungsprozesse einpassen und deutlich machen, welche Informationen und Planungsgrundlagen sie dafür benötigen», so Burkhardt, während «Organisationen ihre längerfristigen Ziele und Entwicklungsbedarfe nachvollziehbar darstellen sollten.»
Potential sieht Tissot aber auch auf Seiten der Geförderten: Viele Organisationen seien sich nicht bewusst, dass langfristige Förderung überhaupt eine Möglichkeit sein könne. «Der FörderMonitor bietet Argumente und Vergleichswerte, auf deren Basis geförderte Organisationen sich austauschen und in den Dialog mit Stiftungen treten können.»
Digitale Infrastruktur schafft Zugang
Doch wie finden Stiftungen und Organisationen überhaupt zueinander, um eine langfristige und vertrauensvolle Förderbeziehung zu etablieren? Geförderte Organisationen fragen regelmässig nach einfach und zentral auffindbaren und strukturierten Informationen zu den Förderkriterien und -bedingungen. Sind digitale Plattformen hier eine Antwort? Sie waren zwar nicht Gegenstand der Erhebung, aus den Ergebnissen lässt sich laut Burkhardt aber ableiten, dass sie die Orientierung erleichtern können. «Digitale Angebote können dazu beitragen, klar zugängliche und strukturierte Informationen bereitzustellen und die Suche nach passenden Förderpartner:innen zu unterstützen», sagt Burkhardt.
Für Tissot und Burkhardt entstehen langfristige Förderbeziehungen vor allem durch persönliche Begegnung und Erfahrungen in der Zusammenarbeit. «Vertrauen muss entstehen und wachsen», sagt Tissot. Wenn jedoch der Start gut beginnt, stehen die Chancen für eine langjährige Beziehung sicher besser.» Burkhardt ergänzt: «Digitale Informationen können den Zugang erleichtern. Vertrauen und langfristige Zusammenarbeit entwickeln sich vor allem im direkten Austausch.»
Für die Schweiz schafft die Online-Plattform Spheriq diesen digitalen Raum für die Schweizer Stiftungslandschaft. Förderorganisationen und Nonprofits erstellen zentral die strukturierten Profile, die jene Transparenz unterstützt, die man sich bei den Umfrageteilnehmenden wünscht. Ein Panel am Deutschen Stiftungstag in Hamburg hat gezeigt, dass eine solche Grundlage das zielgerichtete Matching massgeblich erleichtert.
Digitale Angebote können dazu beitragen, klar zugängliche und strukturierte Informationen bereitzustellen und die Suche nach passenden Förderpartner:innen zu unterstützen.
Luise Burkhardt
Gerade die fünf im FörderMonitor sichtbaren Spannungsfelder – Innovationsdruck, fehlende Transparenz, kurze Förderlaufzeiten, die Dominanz der Projektförderung und die Frage nach Vertrauen – sind also nicht nur eine Aufforderung, die Förderpraxis zu verändern. Sie zeigen auch, dass eine zeitgemässe Förderpraxis von einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur profitieren kann. Eine Infrastruktur, welche die Zusammenarbeit im Alltag organisiert, sorgfältig begleitet und wirkungsorientiert ausrichtet.

