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Neue Handlungsweisen ausloten

Janine Händel und Jasmina Ritz auf der Bühne. Bild zVg, SwissFoundations

Unter dem Motto «And Action!» versammelte sich die Schweizer Philanthropie-Szene am 25. Schweizer Stiftungssymposium von SwissFoundations in Bern. Das Leitmotiv ist Programm, bei dem es nicht um weitere Debatten gehen soll, sondern um konkrete Veränderung. Mit einer vielfältigen Agenda forderten Janine Händel, Präsidentin von SwissFoundations, und Jasmina Ritz, Geschäftsführerin von SwissFoundations, die Teilnehmer:innen zum Mittun, zum Mitdenken und zum Austausch auf.

Heute, in Zeiten der unfassbaren digitalen Beschleunigung und der sozialen Polarisierung, stellt sich die zentrale Frage neu, so Händel, nämlich nicht «wie denken wir darüber?», sondern «was tun wir?» SwissFoundations positioniert sich damit als Gestalterin von Lösungen in einer Welt, die sich schneller verändert als je zuvor. Und sie fordert ihre Mitglieder auf, hinzuschauen und zu handeln.

Moral Imagination: Das fehlende Fundament

Das grösste Hindernis für positiven Wandel sei nicht ein Mangel an Ressourcen, sondern vielmehr die Vorstellungskraft, wie gehandelt werden könnte. Mit dieser These eröffnet Phoebe Tickell, Gründerin und Direktorin von Moral Imagination, ihr Referat. Mit ihrer Keynote «Moral Imagination: The Missing Infrastructure» rückt sie den Begriff Moral ins Zentrum, der im deutschsprachigen Raum durchaus Unbehagen auslösen könnte. Das Wort «Moral» wird zuweilen mit Bevormundung und ideologische Verengung verbunden. Doch Tickell meint etwas anderes: Sie spricht von der Fähigkeit, eine Welt zu imaginieren, die nicht nur für die eigenen Kinder, sondern für alle. Sie führt den traditionellen Aktivismus ins Feld, der zurückschaut, Zugeständnisse macht und der «Nein» zu dem sagt, was beschädigt ist. Diesen Aktivismus brauche es nach wie vor. Es brauche jetzt aber auch einen neuen Aktivismus, der sich dem zuwenden kann, «was möglich sein könnte». Die Vorstellungskraft sollte dabei nicht einfach ein «Nice-to-Have» neben der laufenden Arbeit sein. Sie ist die Infrastruktur, auf der echte Veränderung aufbaut. Olivia Schär hat im Vorfeld des Schweizer Stiftungstages mit Phoebe Tickell gesprochen.

KI und Ethik: Unbequeme Fragen

Ein weiterer Höhepunkt des Symposiums war der Input zur Künstlichen Intelligenz und ethischen Verantwortung. Aktueller hätte das Referat angesichts der laufenden Diskussionen um die sogenannte «Recursive Self-Improvement» (RSI) oder Rekursive Selbstverbesserung bei KI/AI nicht sein. Professor Peter G. Kirchschläger von der Universität Luzern stellte dabei unbequeme Fragen: Wer trägt tatsächlich Verantwortung für die Systeme, die entwickelt werden? Und kann eine Gesellschaft ethische Fragen einfach ignorieren, während die Technologie voranschreitet?

Professor Peter G. Kirchschläger von der Universität Luzern, Bild: zVg, SwissFoundations

Kirchschläger legt dar, dass der Term «Künstliche Intelligenz» irreführend sei. Die Systeme selber seien nicht intelligent, sie würden lediglich grosse Datenmengen mit enormer Rechenleistung verarbeiten, nicht mehr. Und er macht dies bildlich mit einem Pflegeroboter: Ob dieser einen Patienten tröstet oder ihm eine Ohrfeige gibt, ist ihm vollkommen egal, erklärt der Professor, er führe beide Anweisungen gleich gewissenhaft aus. Besonders kritisch war seine Analyse bezüglich bereits erkennbarer realer Schäden, etwa des gigantischen Energieverbrauchs, des Rohstoffabbaus mit Kinderarbeit und der Sklaverei oder der beispiellosen Manipulation durch Daten resp. der Desinformation.

Kirchschläger schlägt deshalb eine menschenrechtsbasierte, globale Regulierung mit einer internationalen Agentur für Datenbasierte Systeme (IDA) vor, nach dem Vorbild der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Sein Tenor war kritisch und konstruktiv zugleich. Es brauche, so Kirchschläger, Kooperationen zwischen Expert:innen, Ethiker:innen und der Zivilgesellschaft. Die Hoffnung, dass Marktkräfte von sich aus ethische Standards durchsetzen, betrachtet er als illusorisch. Und er fordert die Stiftungen auf, sich mit ihrer Stimme in den politischen Diskurs einzubringen. Ein Funke Hoffnung kommt auf, wenn Kirchschläger erwähnt, dass der UN-Generalsekretär António Guterres, Papst Franziskus, der Dalai Lama, der Gründer von OpenAI Sam Altman und die Gates Foundation diese Vorschläge bereits unterstützen würden und, dass ein wachsendes internationales Netzwerk daran arbeite.

Netzwerk als Katalysator

Das Schweizer Stiftungssymposium im Kursaal Bern war neben der Bühne für Keynotes ein Ort des Austauschs. Zahlreiche Workshops und ausgiebige Pausen ermöglichten es den Teilnehmenden, sich intensiver mit spezifischen Themen auseinanderzusetzen und neue Kontakte zu knüpfen.

Mit der Sternstunde Philanthropie schloss die Tagung mit informativen Voten von Professorin Petra Schleiter, University of Oxford, und Flurina Wäspi von der Stiftung Mercator Schweiz. Schleiter berichtete über die Zunahme von Autokratien weltweit und betonte, dass diese Entwicklung immer schneller gehe. Wäspi wiederum betonte, dass die Schweizer Demokratie noch immer gut dastehe. Sie wies aber auf Medienwüsten in eher ländlichen Gebieten der Schweiz hin, die sehr problematisch für die Meinungsbildung in einer Demokratie seien. Das Podium ging auch der Frage nach, wie Stiftungen als private Akteurinnen demokratisch legitim agieren und Wirkung erzielen können, wo die politischen Prozesse festgefahren sind? Die Antwort liegt möglicherweise in der Ergänzung zu den politischen Systemen. «Die Welt ist aus den Fugen», wie Shakespeares Hamlet zu sagen pflegt. Stiftungen können handeln, indem sie Räume schaffen – schnell und unkompliziert –, in denen Zuhören, Vertrauen und ein echter Dialog möglich werden. Das Leitmotiv der Tagung «And Action!» rückt Human Dynamics – Vertrauen, Rollen, Machtverhältnisse, unterschiedliche Perspektiven – in den Mittelpunkt. Sie sind die notwendigen Bedingungen für jene kollektive Vorstellungskraft, die Wandel ermöglicht.

Vielleicht müssen die schon vorhandenen Konzepte der partizipativen Philanthropie weiterentwickelt werden, weg vom reinen Projektansatz hin zu langjährigen Fördermodellen, und vielleicht braucht es auch etwas wie Moral Imagination. Sicher braucht der Sektor Mut, nicht nur die Symptome zu behandeln, sondern neue Möglichkeiten zu denken – oder wie Professorin Petra Schleiter die Anwesenden in ihrem Schlussvotum aufforderte: «Nutzen Sie Ihr Kapital und nutzen Sie es jetzt!»

«And Action!»

Bilder: zVg, SwissFoundations

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