Menschlichkeit steht beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) im Zentrum des Handelns. Für Direktorin Nora Kronig bedeutet das, Menschen in Krisen beizustehen und sie darin zu stärken, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Im Gespräch erklärt sie, wie das SRK diese Aufgabe in der Schweiz und weltweit wahrnimmt und weshalb die Zusammenarbeit mit lokalen Rotkreuzgesellschaften und Förderstiftungen dabei entscheidend ist.
Frau Kronig, Sie sind vor rund zwei Jahren zum Schweizerischen Roten Kreuz gestossen. Wenn Sie auf Ihre ersten zwei Jahre zurückblicken: Was hat Sie am SRK am meisten beeindruckt?

Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Kraft des Rotkreuz-Emblems. Seine Schutzwirkung beruht auch auf einem tiefen Vertrauen: darauf, dass wir die Würde jedes Menschen schützen, ohne Ansehen der Person. Dieses Vertrauen ist für mich die besondere Stärke des Roten Kreuzes – und zugleich eine Verantwortung, der wir jeden Tag gerecht werden müssen.
Was wäre die Schweiz ohne das Rote Kreuz?
Es würde ein Stück gelebter Solidarität fehlen: ein Emblem, das Menschen über kantonale und sprachliche Grenzen hinweg verbindet und freiwilliges Engagement in konkrete Hilfe übersetzt. Das Rote Kreuz macht ein einfaches Versprechen greifbar: Wir lassen einander nicht allein, wenn es schwierig wird. Und wir tolerieren keine Missachtung der humanitären Grundsätze.
Das Rote Kreuz macht ein einfaches Versprechen greifbar: Wir lassen einander nicht allein, wenn es schwierig wird.
Nora Kronig, Direktorin Schweizerisches Rotes Kreuz
Das Engagement geht auch über Landesgrenzen hinaus: Das SRK ist Teil der weltweiten Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung, dem grössten humanitären Netzwerk weltweit. Welchen Mehrwert bietet die Bewegung gerade in einer Zeit, in der Regeln erodieren und die multilaterale Zusammenarbeit zunehmend unter Druck gerät?
Die Bewegung verbindet weltweite Solidarität mit lokaler Verankerung. Sie erreicht Menschen in Krisen – unabhängig davon, ob diese gross oder klein, individuell oder kollektiv sind. Gemeinsame Grundsätze wie Neutralität und Unabhängigkeit schaffen Vertrauen und können Zugang zu Menschen ermöglichen, die sonst kaum Hilfe erreichen würde – gerade in einer polarisierten Welt. Sie hilft nicht nur, sondern setzt sich für Regeln ein, die der Gewalt Grenzen setzen und Menschen schützen. Die Verbindung von globalem Netzwerk und weltweiter Verankerung in den Gemeinschaften ist ihre besondere Stärke.
Als Sie Ihre Funktion übernommen haben, befand sich das SRK in einer Phase der Neuorientierung. Welche Schritte waren Ihnen in den ersten Monaten besonders wichtig?
Das Schweizerische Rote Kreuz ist eine grosse Institution mit zahlreichen Freiwilligen, die alle dasselbe Ziel verfolgen: menschliches Leid zu verhindern und zu lindern. Das heisst, besonders verletzliche Menschen zu unterstützen und Limiten an der rohen Ausübung der Gewalt zu setzen. Im Zentrum unseres Handelns steht die Menschlichkeit. Mir war zunächst wichtig, zuzuhören, die Vielfalt unserer Aktionen zu verstehen und Orientierung zu schaffen. Deshalb habe ich in den ersten Monaten bewusst den Austausch mit unseren Mitarbeitenden, Freiwilligen, Kantonalverbänden, Rettungsorganisationen und internationalen Partnern gesucht. Gleichzeitig haben wir strategische Prioritäten geschärft, Rollen geklärt und die Zusammenarbeit gestärkt.
Was bedeutet für Sie persönlich Menschlichkeit?
Hinzuschauen und zu handeln, wenn jemand leidet – ohne mich überlegen zu fühlen oder zu urteilen. Menschlichkeit beginnt oft im Kleinen: zuhören, Zeit schenken, beistehen. Und sie verlangt, auch unter schwierigsten Umständen keine Kompromisse bei der Würde eines Menschen einzugehen.
Das SRK setzt Fördermittel von Stiftungen treuhänderisch ein. Vertrauen ist die wichtigste Währung einer humanitären Organisation. Wie stellen Sie sicher, dass das SRK dieses Vertrauen jeden Tag verdient?
Dadurch, dass unser Handeln nachvollziehbar, verlässlich und wirksam ist. Wir legen grossen Wert auf Transparenz, einen sorgfältigen Umgang mit den uns anvertrauten Mitteln und Hilfeleistungen, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientieren. Mit einer Förderung schenken uns Stiftungen ihr Vertrauen. Dieses Vertrauen rechtfertigen wir durch transparente Mittelverwendung, nachvollziehbare Ergebnisse und eine konsequente Ausrichtung auf langfristige Wirkung.
Mit einer Förderung schenken uns Stiftungen ihr Vertrauen. Dieses Vertrauen rechtfertigen wir durch transparente Mittelverwendung, nachvollziehbare Ergebnisse und eine konsequente Ausrichtung auf langfristige Wirkung.
Nora Kronig, Direktorin Schweizerisches Rotes Kreuz
Wo sehen Sie aktuell den grössten gesellschaftlichen Beitrag?
Wir stehen Menschen in Krisen bei – ob diese Einzelne oder ganze Gemeinschaften betreffen, in der Schweiz und weltweit. In der Schweiz ist diese Hilfe oft unspektakulär, aber für die betroffenen Menschen entscheidend: eine Stunde Besuch bei einem älteren Menschen, der unter Einsamkeit leidet, die Entlastung pflegender Angehöriger, oder Unterstützung beim Zugang zu Gesundheitsleistungen. Auch eine kleine, punktuelle Hilfe kann viel bewirken.
International reicht unser Engagement bis zur humanitären Hilfe in grossem Umfang in bewaffneten Konflikten oder nach Naturkatastrophen, wie jüngst nach der verheerenden Sturzflut in Nepal. Gemeinsam mit unseren Schwestergesellschaften vor Ort sind wir auch unter schwierigen Bedingungen präsent und setzen uns für die Achtung der humanitären Grundsätze und des humanitären Völkerrechts ein.
Wie erzielt das SRK konkrete, nachhaltige Wirkung?
Unser Suchdienst beispielsweise hilft Menschen, die durch Krieg, Flucht oder Katastrophen getrennt wurden, vermisste Angehörige zu finden und den Kontakt wiederherzustellen. Allein im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine gelten heute rund 250’000 Menschen als vermisst. Auch aus dem Sudan und Afghanistan nehmen die Suchanfragen stark zu. Das SRK konnte im vergangenen Jahr 162 Suchfälle erfolgreich abschliessen. Weltweit bringt das Rote Kreuz mit dem Suchdienst jeden Tag drei Familien wieder zusammen. Das gelingt nur dank des weltweiten Rotkreuz-Netzwerks. Für die Betroffenen bedeutet das weit mehr als eine abgeschlossene Suche: Gewissheit, neue Hoffnung und eine Lebensperspektive. Darin liegt die nachhaltige Wirkung unserer Arbeit.
Mit dem Suchdienst bringt das Rote Kreuz weltweit jeden Tag drei Familien wieder zusammen.
Nora Kronig, Direktorin Schweizerisches Rotes Kreuz
In der Auslandsarbeit sprechen Sie immer wieder von der Bedeutung lokaler Akteure. Warum ist es für das SRK so wichtig, Menschen und Organisationen vor Ort zu stärken?
Bei unserem internationalen Engagement stellen wir die Stärkung der Nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften ins Zentrum unserer Arbeit und sind überall auf der Welt mit unseren Freiwilligen Teil der Gemeinschaft. Dabei befähigen wir unsere 191 Schwestergesellschaften dazu, ihre Arbeit eigenständig zu gestalten und sie auf die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung auszurichten. Sie sind in den Gemeinschaften verankert und kennen die lokalen Gegebenheiten. Und sie bleiben auch dann präsent, wenn die internationale Aufmerksamkeit nachlässt. Die Rolle des Schweizerischen Roten Kreuzes ist es, sie dabei langfristig zu unterstützen und ihnen den nötigen Handlungsspielraum zurückzugeben. So können sie nicht nur in akuten Krisen reagieren, sondern auch die Widerstandsfähigkeit ihrer Gemeinschaften stärken.

Wie gelingt es dem SRK, im Rahmen des Lokalisierungsansatzes die Erwartungen von Förderstiftungen an einen zweckgerichteten Mitteleinsatz mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vor Ort in Einklang zu bringen?
Wirkung entsteht dann, wenn Ressourcen dort eingesetzt werden, wo die Bedürfnisse am grössten sind. Lokal verankerte Akteure kennen die Bedürfnisse ihrer Gemeinschaft am besten und können deshalb auch am wirksamsten auf sie eingehen. Es gibt in praktisch allen Ländern der Welt eine Rotkreuz- oder Rothalbmondgesellschaft. Mit unseren Millionen von Freiwilligen, die in den Gemeinschaften vor Ort verwurzelt sind, ist das SRK bereits lokal verankert.
Lokalisierung bedeutet auch, Verantwortung und Entscheidungsmacht abzugeben.
Unsere Erfahrung zeigt: Die besten Ergebnisse entstehen dort, wo Erwartungen und Verantwortlichkeiten klar definiert sind, die Schwestergesellschaften der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung aber genügend Handlungsspielraum haben, um Lösungen an ihre Realität anzupassen. Der gemeinsame Anspruch zielt auf die grösstmögliche Wirkung für die betroffenen Menschen.
Stiftungen sind wichtige Partnerinnen des SRK. Was schätzen Sie besonders an dieser Zusammenarbeit?
Ich schätze die Möglichkeit, gemeinsam langfristig etwas zu bewegen und voneinander zu lernen. Stiftungen bringen Erfahrung, neue Perspektiven und Mittel ein, wir die Nähe zu den Menschen, unser Netzwerk und humanitäre Expertise. Vor allem langfristige Partnerschaften und Vertrauen ermöglichen Wirkung über die Projektlaufzeit hinaus. So können wir zusammen nicht nur akute Not lindern, sondern Menschen dauerhaft stärken – und damit auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Worauf dürfen Stiftungen vertrauen, wenn sie Projekte des SRK unterstützen?
Dass sie im Kleinen und im Grossen für Menschen, die Unterstützung benötigen, einen konkreten Unterschied machen.
Was stimmt Sie angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen optimistisch?
Menschen, die nicht wegschauen, sondern handeln. Freiwillige zeigen jeden Tag, was eine Stunde Zeit, Aufmerksamkeit oder konkrete Hilfe bewirken kann. Das macht die Krisen nicht kleiner. Aber es zeigt: Wir sind ihnen nicht machtlos ausgeliefert. Jede und jeder kann Teil einer Antwort sein.
Über das Schweizerische Rote Kreuz
Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) ist seit 1866 Teil der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung mit ihren 191 Nationalen Gesellschaften. Als humanitäre Partnerin der staatlichen Behörden nimmt das Rote Kreuz weltweit eine besondere Rolle wahr und unterstützt diese bei humanitären Aufgaben.
Das SRK engagiert sich in rund 30 Ländern für Gesundheit, Katastrophenvorsorge und Nothilfe. Ein zentraler Schwerpunkt ist die Stärkung der nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften, damit diese Menschen in ihrem Land wirksam unterstützen können. In der Schweiz setzt sich das SRK mit 24 Kantonalverbänden und rund 53’000 Freiwilligen für Menschen in schwierigen Lebenssituationen ein.
Das SRK handelt nach den sieben Rotkreuzgrundsätzen und trägt das ZEWO-Gütesiegel. Seine Arbeit wird durch private Spenden, öffentliche Beiträge und eigene Erträge finanziert.

