Aktuell sucht Clima Now in einer öffentlichen Abstimmung die besten Ideen für die Ernährung von morgen. Ein mehrstufiger Entscheidungsweg unter Einbezug der Öffentlichkeit ist eine Möglichkeit, die Auswahl der Projekte breiter abzustützen. Auch das Kultur Komitee in Winterthur oder CATAPULT in Basel wählen eigene Wege.
Jede Stimme zählt. Aktuell stehen 14 Projekte auf der Wall of Fame von Clima Now. Sie alle wollen die Ernährung der Schweiz von morgen nachhaltiger gestalten. In einem Online-Voting werden aktuell jene sieben Projekte ausgewählt, die am meisten überzeugen. Diese Teams können ihre Ideen an der Pitch Night vor einer Jury und einem Publikum präsentieren. Zu gewinnen gibt es insgesamt 90’000 Franken.
Breite Öffentlichkeit und Fachexpert:innen
«Das Public Voting stützt den Auswahlprozess breiter ab und zeigt uns, welche Ideen nicht nur Fachexpert:innen begeistern, sondern auch eine breitere Öffentlichkeit», erläutert Corinne Grässle von Clima Now den Vorteil des mehrstufigen Auswahlprozesses. Zu Beginn wählt eine Jury aus allen Einsendungen die 14 Projekte für das Public Voting an der Wall of Fame aus. «So entsteht ein doppelter Massstab: Impact-Potenzial durch die Jury, Verständlichkeit und Resonanz durchs Publikum», sagt Grässle.
«Die Meinung des Publikums weicht in einigen Fällen von jener der Jury ab – und genau darin zeigt sich der Mehrwert des zweistufigen Verfahrens. Die Jury bewertet primär das fachliche Impact-Potenzial, während das Publikum stärker auf Verständlichkeit und emotionale Nähe reagiert. Beide Perspektiven ergänzen sich.» Die Publikumsresonanz bringt als erster Indikator Erkenntnisse über die Marktfähigkeit eines Projekts. Wie stark sich die Öffentlichkeit zur Teilnahme am Voting bewegen lässt, schwankt von Jahr zu Jahr. Entscheidend ist, wie nah ein Projekt an der Erfahrungswelt der Öffentlichkeit liegt.
Zielgruppe einbeziehen
Nahe an der Lebensrealität von Projektträger:innen ist das Ziel des Ansatzes von CATAPULT. Die Förderplattform CATAPULT, gefördert durch die Fondation Botnar und die Stiftung Mercator Schweiz, zielt auf ein jüngeres Publikum. CATAPULT will nicht nur Projekte junger Menschen fördern. Die gesamte Förderstruktur wurde co-kreativ mit der Zielgruppe entwickelt und aufgebaut – und selbst in den Entscheidungsgremien sitzen ausschliesslich junge Menschen. «CATAPULT glaubt an junge Menschen und ihre Ideen – und daran, dass sie selbst am besten wissen, woran es ihnen in Basel fehlt», heisst es auf der Website.
CATAPULT kennt zwei Zyklen. Im grossen Förderzyklus vergibt die Organisation Förderbeiträge von 3000 bis 10’000 Franken. An einem Entscheidungsevent diskutieren die jungen Teilnehmenden, welche Projekte sie unterstützen wollen. Die Gruppe setzt sich jeweils aus 12 bis 20 jungen Menschen zusammen. «Das ist eine gute Grösse für die Entscheidungsfindung», sagt Luan, Co-Geschäftsleitung von CATAPULT. Für jeden Event wird die Gruppe neu zusammengestellt. Die Teilnehmenden kommen über die Community. Diese ist in den vergangenen fünf Jahren aus ehemaligen Teilnehmenden, deren Geschwistern und Freund:innen sowie geförderten Projekten gewachsen. «Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert am besten», hält Luan fest.
Chance für Projektträger:innen mit wenig Erfahrung
Daneben arbeitet CATAPULT auch mit Regelklassen zusammen. Auch die Events selbst fanden bereits in Schulen statt. Das trägt dazu bei, die Community diverser zu halten. Würde die Community nur über direkte Beziehungen wachsen, bestünde das Risiko einer homogenen Gruppe. Das ist nicht der Fall. «Wir erreichen verschiedene Schichten und alle Altersstufen von 15 bis 25 Jahren.» Bei den formalen Bildungswegen sei es hingegen schwieriger, eine ausgewogene Vertretung zu erreichen. Luan stellt fest: «Wir haben eine Tendenz zu jungen Menschen, die Zugang zu Gymnasien und Hochschulen haben.»
Die unterschiedlichen Perspektiven sind für CATAPULT zentral. «Wir machen zu Beginn einen Sensibilisierungsinput zu sozialer Gerechtigkeit. Wir achten auf Perspektivenvielfalt und die jungen Menschen nehmen ihre Verantwortung in der Geldvergabe sehr ernst», sagt Luan.
Der kleine Förderzyklus befindet sich derzeit im Wandel. Bisher wurden die Mittel von bis zu 3000 Franken pro Projekt teamintern vergeben, durch die Menschen im Zielgruppenalter, die die Geschäftsstelle tragen. Um auch diese Vergaben im Rahmen von Events durchzuführen, fehlen CATAPULT die Ressourcen. Die Veranstaltungen sind aufwändig. Deshalb wird dafür neu eine feste externe Gruppe zusammengestellt. «Das ermöglicht eine grössere gesamtgesellschaftliche Perspektive», sagt Luan. Für den kleinen Förderzyklus wurde in diesem Jahr ein Entscheidungskreis für ein Jahr bestimmt, der sich fünfmal jährlich trifft. Dank eines Bewerbungsverfahrens konnte das Gremium divers zusammengesetzt werden. Gerade beim kleinen Fördertopf ist CATAPULT wichtig, dass auch Projektträger:innen eine Chance erhalten, die noch wenig Erfahrung mit Förderanträgen haben. «Bei schwierigen Entscheidungen haben wir gemerkt, dass Eingaben mit einem konkreten Anliegen und klaren Zielen mehr Chancen haben als solche, die noch wenig detailliert ausformuliert sind», sagt Luan. Generell lasse sich sagen, dass die Entscheidungsgruppen gut funktionieren. Sie haben sich kontinuierlich weiterentwickelt. «Wir haben sehr viele Tools entwickelt, um zu den Entscheidungen zu kommen», sagt Luan. Auch die Förderkriterien werden laufend an die Erkenntnisse aus der Evaluation der Prozesse angepasst.
Qualität gestiegen
Auch Clima Now prüft kontinuierlich, wie sich die Partizipation weiterentwickeln lässt. Grässle sagt: «Das ist für uns Teil der laufenden Weiterentwicklung von Spotlight.» Diese Weiterentwicklung hat in den vergangenen Jahren auf der einen Seite dazu geführt, dass die thematische Breite der Projekte abgenommen hat. Das hängt mit der Ausschreibung zusammen. «Während wir in frühen Jahren ein Thema wählten und dieses dann sehr breit ausschrieben, geht der Ausschreibung heute ein mehrmonatiger Prozess voraus, in dem wir gemeinsam mit Fachexpert:innen an der konkreten Themenstellung und Ausschreibung arbeiten.» Auf der anderen Seite ist die Qualität der Eingaben gestiegen. «Denn wir wollen nicht einfach Innovation unterstützen, sondern gezielt da Unterstützung bieten, wo es auch tatsächlich neue Lösungen braucht.»
Entscheidungsgremium im Losverfahren
Gleich die ganze Bevölkerung von Winterthur ist das potenzielle Entscheidungsgremium des Kultur Komitees der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) in Winterthur. In einem Losverfahren werden die Kandidat:innen für das Gremium ausgewählt. 200 Briefe werden verschickt. Die Empfänger:innen werden eingeladen, sich für das Komitee zu melden. Für viele sei dieser Brief ein «Schicksalswink», der sie dazu bewege, sich zu engagieren, sagt Andreas Geis, Leitung Förderung der SKKG. Bei anderen sei die Neugierde der Treiber gewesen. Sie wollten sehen, wie ein solches Projekt funktioniert. Im Unterschied zu Formaten wie Bevölkerungsräten hat das Kultur Komitee einen entscheidenden Vorteil: Es ist nicht nur konsultativ tätig. Das Gremium entscheidet über die Vergabe der Mittel. Pro Zyklus vergibt das jeweilige Komitee 400’000 Franken Förderung. Von 2021 bis 2026 hat das Kultur Komitee insgesamt 188 Kulturprojekte mit rund 1,9 Millionen Franken gefördert.
Zwar wird das Gremium im Losverfahren zusammengestellt. «Dennoch bildet es die Zusammensetzung der Bevölkerung nicht ab», sagt Geis. «Es melden sich tendenziell mehr gut gebildete Männer im höheren Alter.» Meist ergebe sich aber eine Altersspanne zwischen 18 und 80 Jahren. Gleichzeitig betont Geis, dass ein Losverfahren per se nicht repräsentativ sei – und dies auch gar nicht das Ziel sei. Damit alle Eingeladenen möglichst niederschwellig teilnehmen können, bietet die Stiftung je nach individueller Situation Unterstützung an: Flüsterdolmetschen bei nicht ausreichenden Sprachkenntnissen, die Übernahme von Kinderbetreuungskosten oder eine finanzielle Kompensation, wenn Selbstständige und Angestellte wegen der Termine Schichten nicht wahrnehmen können. Im Idealfall setzt sich das Gremium aus rund 25 Mitgliedern zusammen. Zwei Projektleiter:innen begleiten den Prozess, fünf Termine stehen an. 120 bis 180 Kulturschaffende reichen jeweils ihre Projekte für eine Förderung ein.
Erfahrung sammeln und Verantwortung übernehmen
Auch beim Onboarding bietet die SKKG Unterstützung. «Der zeitliche Aufwand ist vergleichbar mit dem anderer Ehrenämter, die ehemaligen Teilnehmer:innen beschreiben ihn als angemessen und leistbar», sagt Geis. Besonders wertvoll sei die Unterstützung vorab, um sich über den Prozess und die Aufgabe zu informieren. Die Komitee Mitglieder erarbeiten zu Beginn des Prozesses einen Förderkompass. «Er dient den Antragstellenden zur Orientierung und den Mitgliedern des Komitees als Bewertungsreferenz», sagt Geis. Um taktisches Vorgehen einzelner Mitglieder im Bewertungs- und Entscheidungsverfahren zu verhindern, nutzt das Komitee die «Method of Equal Shares», ein Verfahren der partizipativen Budgetierung. Zudem wird jedes Gesuch von mindestens fünf Personen gesichtet und bewertet. «Die Eingaben sind bewusst knapp gehalten, damit die Lektüremenge bewältigbar bleibt», sagt Geis. Dass das Gremium anders entscheidet als traditionelle Gremien oder Stiftungsräte, ist dabei nicht das Ziel. Das Kultur Komitee soll vielmehr Menschen in die Kulturförderung einbeziehen, die bisher nicht daran beteiligt waren. Sie können Erfahrungen sammeln und Verantwortung übernehmen.
Transparenz
Zum Projekt gehört auch Transparenz. Der gesamte Prozess ist öffentlich online dargestellt. Auch Dokumente wie der Einladungsbrief stehen frei zum Download zur Verfügung. Ein Entscheidungszyklus dauert rund neun Monate. Der letzte Zyklus ist im September 2025 mit dem Losverfahren gestartet. Bis Februar 2026 konnten Kulturschaffende ihre Projekte einreichen. Ende März entschied das Komitee über die Gesuche und die Projektleitung informierte die Kulturschaffenden über eine allfällige Förderung. Zwei Monate später wurden die Gremiumsmitglieder verabschiedet. Bis Ende 2027 setzen die Kulturschaffenden ihre Projekte nun um.
Von den Projekten, die in den vergangenen Jahren bei Spotlight von Clima Now ausgewählt wurden, haben sich einige erfolgreich weiterentwickelt. Grässle nennt als Beispiel AlgaeCycle, das 2025 ausgezeichnet wurde. Das Projekt nutzt Mikroalgen, um Abwasser zu reinigen und CO₂ zu binden. Die anschliessend getrockneten Mikroalgen werden im Boden gespeichert und ermöglichen so eine nachhaltige CO₂-Entfernung. Die technisch vielversprechende Idee war vor der Teilnahme an Spotlight weder markt- noch investitionsreif, erklärt Grässle. Der Gewinn im Vorjahr brachte den nötigen Schub. «Der Gewinn bei Spotlight 2025 brachte dem Team genau das, was Spotlight leisten soll: eine Bühne für Sichtbarkeit, Zugang zu einem Netzwerk aus Expert:innen und Partnern sowie Fördergeld als konkreten Anschub», sagt sie. «Heute ist daraus mehr als eine Idee geworden: Die Pilotanlage befindet sich im Bau.»

