Wer ein gemeinnütziges Anliegen verfolgen möchte, nutzt dafür immer häufiger die Strukturen einer Dachstiftung. Das entlastet von administrativen Aufgaben und lenkt den Fokus auf die Förderwirkung. Unser neues Themendossier fragt, was das gemeinsame Dach ermöglicht und wie viel Eigenständigkeit darunter bleibt. Zum Auftakt erklären wir, wie Dachstiftungen funktionieren, für wen sie sich eignen und wie neue Ansätze das Stiften verändern.
Eine Ausbildung ermöglichen, die Natur schützen, das kulturelle Leben stärken: Am Anfang philanthropischen Engagements steht häufig ein persönliches Anliegen. Wer dafür über längere Zeit Mittel einsetzen möchte, steht vor organisatorischen Fragen. Braucht es eine eigene Stiftung? Wer führt die Buchhaltung, prüft Fördergesuche und kümmert sich um die Nachfolge? Und wie viel Zeit und Geld soll in diese Aufgaben fliessen?
Dachstiftungen bieten dafür eine gemeinsame Infrastruktur. Sie ermöglichen es, ein eigenes Förderanliegen zu verfolgen und dabei auf eine bestehende Organisation, deren Wissen und Erfahrung zurückzugreifen. Wie weit diese Entlastung reicht und welche Gestaltungsmöglichkeiten bleiben, unterscheidet sich von Anbieter zu Anbieter.
Ein gemeinsames Dach für individuelle Anliegen
Eine Dachstiftung ist eine rechtlich selbstständige Stiftung, unter deren Dach zweckgebundene Fonds oder unselbstständige Stiftungen geführt werden. Diese Fonds können einen eigenen Namen, einen bestimmten Förderzweck und eigene Gremien haben. Sie besitzen jedoch keine eigene Rechtspersönlichkeit. Nach aussen handelt immer die Dachstiftung; sie trägt die rechtliche Verantwortung.
Die Bezeichnungen sind dabei vielfältig: häufig ist von einer Unterstiftung, Zustiftung oder einem Stiftungsfonds die Rede. Entscheidend ist, was konkret vereinbart wird. Die Dachstiftung übernimmt Buchhaltung, Rechnungslegung und die Zusammenarbeit mit Revision und Aufsicht – und meistens auch die Vermögensverwaltung, Beratung, Projektprüfung und die Begleitung der Förderung.
Das hat grosse Vorteile: Denn damit teilen sich mehrere Fördergefässe eine professionelle Infrastruktur. Die Stiftenden können sich entsprechend ihren Wünschen und den vereinbarten Kompetenzen engagieren. Manche bringen eigene Projektideen ein und begleiten deren Umsetzung. Andere übertragen die Auswahl geeigneter Organisationen weitgehend an die Dachstiftung. Dann entstehen sogenannte Themenfonds, denen sich auch weitere Zustifter:innen anschliessen können. Ein gemeinsames Anliegen, eine gemeinsame Umsetzung – auch ein solches Pooling macht den Dachstiftungsansatz attraktiv und wirksam.
Muss Stiften für die Ewigkeit sein?
Mit der Wahl der Struktur verbindet sich eine weitere Frage: Wie lange sollen die Mittel wirken? Bei einer auf Kapitalerhalt ausgerichteten Stiftung stehen grundsätzlich nur die Erträge für die Förderung zur Verfügung. Ein Verbrauchsfonds setzt hingegen auch das eingebrachte Vermögen ein – beispielsweise über zehn Jahre oder bis ein bestimmtes Vorhaben abgeschlossen ist.
Bei Dachstiftungen ist diese Form weit verbreitet. Laut Schweizer Stiftungsreport 2026 sind 85 Prozent der Ende 2024 gemeldeten Fonds auf Verbrauch ausgerichtet. Ein begrenzter Zeithorizont schafft auch die Voraussetzung, zu Lebzeiten grössere Beiträge einzusetzen und deren Verwendung aktiv mitzugestalten. Welche Lösung am Ende passt, hängt vom Anliegen ab.
Diese Überlegung beschäftigt die Praxis seit Längerem – auch in The Philanthropist haben wir wiederholt Einblick gegeben. Im Beitrag «Gemeinsam stärker wirken» erläutert die Rütli-Dachstiftung, wie sich persönliche Förderziele und der Verbrauch des Kapitals verbinden lassen. Auch Corymbo setzt auf Verbrauchsfonds und ermöglicht eine zeitlich flexible Förderung.
Eine Landschaft in Bewegung
Dachstiftungen können auch bestehenden Stiftungen eine Perspektive bieten. Wenn die Besetzung des Stiftungsrats schwierig wird oder der Verwaltungsaufwand die verfügbaren Mittel zu stark beansprucht, bieten Dachstiftungen eine interessante Zukunftsperspektive: Unter einem gemeinsamen Dach kann das Förderanliegen effektiver weitergeführt werden. Gemäss SwissFoundations ist die Überführung in einen Stiftungsfonds ein häufiger Grund für die Liquidation einer Stiftung.
Zugleich ist auch die Dachstiftungslandschaft selbst in Bewegung. Im Sommer 2026 wurde in Basel das Schweizer Stiftungszentrum von ehemaligen Mitarbeitenden der Christoph Merian Stiftung gegründet. Die unabhängige gemeinnützige Dachstiftung will philanthropisches Kapital bündeln – komplementär zum regional fokussierten Ansatz der Christoph Merian Dachstiftung. Aufseiten der bankennahen Anbieter wurden im Juni 2026 die Fusionen von Accentus, Empiris und Symphasis mit der UBS Philanthropy Foundation genehmigt. Generell haben in den letzten Jahren zahlreiche Banken eigene Dachstiftungen gegründet, um ihren Kund:innen ein zeitgemässes und effizientes philanthropisches Gefäss anbieten zu können. Ein Beispiel ist die ZKB Philanthropie Stiftung, die im wichtigen Stiftungsplatz Zürich beheimatet ist.
Gemeinsames Sammeln, gemeinsames Entscheiden
Im Ausland sind Stiftungsfonds auch unter der Bezeichnung «Donor Advised Fund» bekannt, kurz DAF. Das «Donor Advised» bezeichnet eine rechtliche Eigenheit des Dachstiftungsansatzes: Die Person, die das Vermögen einbringt, wirkt bei dessen Verwendung beratend mit. Sie kann Förderprojekte vorschlagen, Prioritäten setzen und die Entwicklung ihres Fonds begleiten. Die rechtliche Verantwortung und die letztliche Entscheidung liegen jedoch bei der Dachstiftung und ihrem Stiftungsrat. Wie die Mitsprache ausgestaltet ist, wird in Verträgen und Reglementen festgehalten.
Diese Aufgabenteilung schützt auch das Anliegen der stiftenden Person. Kann sie ihre beratende Rolle eines Tages nicht mehr wahrnehmen – etwa aus Altersgründen oder nach ihrem Tod –, sorgt die Dachstiftung dafür, dass die Mittel weiterhin im Sinne des vereinbarten Zwecks eingesetzt werden. Die beratende Rolle lässt sich zudem auch gemeinsam ausüben, etwa innerhalb einer Familie oder gemeinsam mit den Kindern. Ein solcher «Förderbeirat» kann – ohne administrative Last – die inhaltliche Gestaltung des gemeinnützigen Engagements schrittweise an die künftige Generation übertragen. Gemeinsames Entscheiden eröffnet damit Möglichkeiten, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven in die Förderung einzubeziehen.
Wie daraus ein zukunftsgerichteter, partizipativer Ansatz entstehen kann, zeigt Demaimpact als Stiftungsfonds unter dem Dach der Swiss Philanthropy Foundation. Junge Erwachsene entwickeln dort Förderschwerpunkte und wählen Projekte für ihre Generation aus. 2025 beteiligten sich zehn 18- bis 30-Jährige an der Auswahl von sechs Organisationen in den Bereichen Integration, Autonomie und Umwelt. Das gemeinsame Dach ermöglicht ihnen, philanthropische Verantwortung zu übernehmen, ohne dafür selbst ein grosses Vermögen einzubringen.
Neue Zugänge zum Stiften
Digitale Angebote können diese Formen des Engagements zusätzlich erleichtern: Sie vereinfachen die Einrichtung eines Fonds, machen verfügbare Mittel und Förderungen übersichtlich und unterstützen das gemeinsame Sammeln. Die deutsche Plattform b’cause setzt dafür auf digitale Stiftungskonten nach dem DAF-Modell. Hinter dem einfachen Zugang bleibt die beschriebene Aufgabenteilung bestehen: Die Gebenden gestalten ihre Förderung mit, während eine gemeinnützige Trägerstruktur deren rechtlichen Rahmen sichert.
Mitgründer Felix Oldenburg kennt den Stiftungssektor von innen: Als früherer Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen hat er ihn über Jahre mitgeprägt. Heute gehört er jedoch auch zu seinen pointierten Kritikern. In seinen Handelsblatt-Kolumnen bemängelt er geringe Ausschüttungen, mangelnde Transparenz und eine Beratungskultur, die Vermögensschutz stärker gewichtet als gesellschaftliches Engagement. Seine Forderung: Vermögen muss leichter für gemeinnützige Aufgaben mobilisiert werden. Mit b’cause will er dafür einen praktischen Weg schaffen und das Stiften für breitere Kreise öffnen.
Ein bewährtes Modell mit neuen Möglichkeiten
Dachstiftungen verbinden langjährige Erfahrung mit neuen Formen des Engagements. Die 1972 gegründete Limmat Stiftung ist nach eigenen Angaben die älteste Dachstiftung der Schweiz. Sie betreibt ein eigenes Projektzentrum und bietet den Zustifter:innen insbesondere internationaler Erfahrung im Bereich Bildung und sozialer Förderung. Andere Beispiele legen einen eigenen Fokus und bündeln andere Expertise für die Förderung.
Die Landschaft ist vielseitig: Während manche Dachstiftungen auf Verbrauchsfonds für einen gezielten Mitteleinsatz zu Lebzeiten fokussieren, ermöglichen andere gemeinsame Strukturen mit sorgfältig betreuten Themenfonds. Wieder andere sichern die Fortführung bestehender Förderanliegen, indem sie thematisch bewusst breit aufgestellt sind.
Jeder dieser Ansätze bringt eigene Vorzüge mit. Wie viel Begleitung gewünscht ist, wie Entscheidungen getroffen werden und welche Möglichkeiten gemeinsames Fördern eröffnet, lohnt einen genaueren Blick. Im Themendossier Dachstiftungen stellen wir deshalb unterschiedliche Modelle vor und gehen ihren Stärken und Besonderheiten auf den Grund. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie aus geteilter Infrastruktur mehr Freiraum für wirksames Engagement entsteht.

