{"id":19173,"date":"2026-06-30T10:26:01","date_gmt":"2026-06-30T08:26:01","guid":{"rendered":"https:\/\/spheriq.ch\/blog\/?p=19173"},"modified":"2026-06-30T12:37:18","modified_gmt":"2026-06-30T10:37:18","slug":"bauen-und-sammeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/spheriq.ch\/blog\/bauen-und-sammeln\/","title":{"rendered":"Bauen und Sammeln"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Ein neuer Forschungsbericht, im Auftrag der Stiftung f\u00fcr Kunst, Kultur und Geschichte SKKG und Terresta, mit Unterst\u00fctzung der Schweizerischen Gesellschaft f\u00fcr Geschichte (SGG), dokumentiert erstmals systematisch, wie Bruno Stefanini sein Immobiliengesch\u00e4ft und seine Kunstsammlung aufgebaut hat. Die Ergebnisse zeigen die Differenzen zwischen philanthropischem Anspruch und gesch\u00e4ftlicher Realit\u00e4t auf. Mit der Ver\u00f6ffentlichung des Berichts geht die SKKG ihren Weg konsequent und transparent weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stiftung Kunst, Kultur und Geschichte (<a href=\"https:\/\/www.skkg.ch\/\">SKKG<\/a>) in Winterthur dokumentiert Gr\u00fcndung und Geschichte gr\u00fcndlich. Ein neuer Forschungsbericht der Historiker:innen Jennifer Burri und Amos Kuster aus Basel zeichnet nach, wie Bruno Stefanini sein Immobilienimperium und seine Kunstsammlung aufgebaut hat. Wie sich nun zeigt, floss Geld von den Immobilien in die Sammlung. Stefanini verkn\u00fcpfte Sammlung und Immobilien, indem er die Sammlungsgegenst\u00e4nde nicht nur als kulturelles Erbe betrachtete, sondern als Kapitalanlagen. Er verglich die Wertsteigerungen bei Malern wie Hodler mit Immobilienrenditen. Damit einhergehend resultierte ein stetig wachsender Verm\u00f6genswert in der Stiftungsbuchhaltung. Der Bericht bringt ein integriertes System ans Licht, das die beiden scheinbar unabh\u00e4ngigen Leidenschaften Stefaninis \u2013 Bauen und Sammeln \u2013 miteinander verbindet.<br>Die neue Forschung erg\u00e4nzt die bisherige Geschichte und legt ein komplexes Geflecht \u00f6konomischer Entscheidungen offen \u2013 die Geschichte eines Kunstm\u00e4zens mit konkreten Folgen.<\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"vom-verwalter-zum-finanzier-der-sammlung\"  class=\"wp-block-heading\"><strong>Vom Verwalter zum Finanzier der Sammlung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stefaninis Karriere beginnt unspektakul\u00e4r. Als junger Mann verwaltete er Liegenschaften f\u00fcr die italienische Gemeinschaft in Winterthur. Die Nachkriegskonjunktur erm\u00f6glichte ihm einen schnellen Aufstieg. Er wurde einer der ersten Generalunternehmer der Region, der s\u00e4mtliche Dienstleistungen rund um den Immobilienzyklus anbot \u2013 mit entsprechenden Kosten- und Machtvorteilen. Die \u00d6lpreiskrise 1973 markierte sodann einen Wendepunkt. Stefanini stellte den Wohnungsbau ein und konzentrierte sich auf den Kauf weiterer Liegenschaften. Mit der strategischen Neuausrichtung vollzog er eine bewusste Umwandlung des Immobilienportfolios in ein Finanzierungsinstrument. Zunehmend sollten die Mietertr\u00e4ge aus dem Portfolio als Finanzierungsinstrument f\u00fcr die Kunstsammlung und somit f\u00fcr die Stiftung dienen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Konsequenzen dieser Neu-Priorisierung waren messbar. Offenbar war der jahrelange Renovationsstau im Immobilienportfolio keine Nachl\u00e4ssigkeit, sondern die Folge einer bewussten Priorit\u00e4tensetzung: Die Mietertr\u00e4ge flossen in die Sammlung statt in die Liegenschaften. Dies bedeutete f\u00fcr die Mieterinnen und Mieter Warteschlangen bei Instandhaltungen und f\u00fcr die Immobilien eine verz\u00f6gerte Modernisierung.<\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"sammelstrategie-breite-statt-tiefe\"  class=\"wp-block-heading\"><strong>Sammelstrategie: Breite statt Tiefe<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stefanini selbst bezeichnete die SKKG-Sammlung mehrfach selbstironisch als \u00abKuriosit\u00e4ten-Kabinett\u00bb. Mit dieser Charakterisierung grenzte er sich, gem\u00e4ss Bericht, bewusst von der klassischen Kunstwissenschaft ab. Diese Positionierung wirkt in der Sammlung bis heute nach: Breite \u00fcber Tiefe. Eine m\u00f6glichst heterogene Sammlung sollte eines Tages ein popul\u00e4res Museum f\u00fcr eine breite Bev\u00f6lkerung best\u00fccken. Die Zahlen zeigen, wie diese Strategie umgesetzt wurde. Rund 90 Prozent der Objekte kamen \u00fcber Auktionen in die Sammlung; was erworben wurde, folgte weitgehend dem Angebot auf dem Markt. Das bedeutet nat\u00fcrlich, dass die Sammlungsphilosophie wenig koh\u00e4rent war. Die intensivste Ankaufsphase fiel in die zweite H\u00e4lfte der 1980er-Jahre. 1988 allein kamen \u00fcber 3000 Objekte in die Sammlung, befeuert durch die Museumspl\u00e4ne f\u00fcr Schloss Brestenberg. Nach dem Scheitern dieses Projekts sanken die Ankaufszahlen deutlich. Vieles, was Stefanini erwarb, verschwand oft ungesichtet in Kisten und Depots.<\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"kulturerbe-als-kapitalanlage\"  class=\"wp-block-heading\"><strong>Kulturerbe als Kapitalanlage<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verkn\u00fcpfung der Sammlung als Kapitalanlage brachte weitreichende Implikationen mit sich. Es l\u00e4sst sich auch so deuten, dass die Sammlung \u2013 trotz ihrer philanthropischen Rhetorik \u2013 auch einem Vermehrungszweck diente. Die \u00f6ffentliche Zug\u00e4nglichkeit, ein klassisches Merkmal philanthropischer Kunstsammlungen, war, wie sich zeigt, nicht das Prim\u00e4rziel. Tats\u00e4chlich behielt sich Stefanini zeitlebens vor, der Stiftung die Nutzniessung an Liegenschaften und Sammlung zu entziehen. Die rechtliche Konstellation schr\u00e4nkte die Handlungsf\u00e4higkeit der Stiftung ein und f\u00fchrte dazu, dass die SKKG ihrer gemeinn\u00fctzigen Pflicht zur \u00f6ffentlichen Zug\u00e4nglichkeit der Sammlung in den ersten Jahrzehnten kaum nachkam. Ein philanthropisches Versprechen, das auf dem Papier stand, konnte in der Praxis viele Jahre lang nicht eingel\u00f6st werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"provenienzforschung-transparenz-und-justiziable-prozesse\"  class=\"wp-block-heading\"><strong>Provenienzforschung: Transparenz und justiziable Prozesse<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Institut f\u00fcr Kunstgeschichte an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich f\u00fchrt seit 2022 systematische Provenienzforschung durch. Es geht um die Kl\u00e4rung von Werken, die m\u00f6glicherweise im Kontext von NS-Verfolgungen ihren Eigent\u00fcmern entzogen wurden. Stefanini erwarb seine Gem\u00e4ldesammlung mehrheitlich in den 1990er-Jahren durch Schweizer Auktionsh\u00e4user. Das ist ein kritischer Zeitraum, weil in den Nachkriegs- und unmittelbaren Wiederaufbaujahrzehnten geraubte Kunstwerke \u00fcber den Kunstmarkt in neue Sammlungen gelangten. Die Herkunft wurde damals kaum hinterfragt. Die SKKG hat f\u00fcr diesen Prozess ein zweistufiges Vorgehen etabliert, das eine deutliche Trennung von Provenienzforschung und dem Entscheid \u00fcber den Umgang mit den Ergebnissen gew\u00e4hrleistet. Ein Team unabh\u00e4ngiger Forscher:innen untersucht die Herkunftsgeschichte; eine unabh\u00e4ngige Kommission (UK-SKKG) trifft dann die Entscheide \u00fcber Restitutionen oder andere gerechte und faire L\u00f6sungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Mai 2026 restitutierte die UK-SKKG das Gem\u00e4lde \u00ab<a href=\"https:\/\/ch-cultura.ch\/information-und-dokumentation\/restitution-die-stiftung-skkg-gibt-hodler-gemaelde-an-die-erbinnen-der-ehemaligen-besitzerin-zurueck\/\">Thunersee mit Bl\u00fcemlisalp und Niesen<\/a>\u00bb (1876\/1882) von Ferdinand Hodler an die Erbengemeinschaft der fr\u00fcheren Eigent\u00fcmerin Martha Nathan, die als J\u00fcdin vom NS-Regime verfolgt wurde. Der damalige Verkauf des Gem\u00e4ldes stand in direktem Zusammenhang mit der Zwangslage Nathans. \u00dcber die R\u00fcckgabe hinaus sieht die SKKG vor, die Geschichte der fr\u00fcheren Eigent\u00fcmerin der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich zu machen. Ein neues Verst\u00e4ndnis von Stiftungsarbeit der SKKG sieht das Kulturerbe nicht als statischen Besitz, sondern als lebendige Ressource, wie die SKKG schreibt.<\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"gegenwaertige-strategien-und-neue-herausforderungen\"  class=\"wp-block-heading\"><strong>Gegenw\u00e4rtige Strategien und neue Herausforderungen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die SKKG reagiert auf diese Erkenntnisse mit einer mehrgleisigen Strategie. Seit 2018 wird die Sammlung mit \u00fcber 100&#8217;000 Objekten systematisch inventarisiert. Seit 2025 sind die Objekte \u00fcber das Portal \u00abSammlung digital\u00bb gr\u00f6sstenteils einsehbar, und im neu geplanten Stiftungssitz \u00abCAMPO\u00bb in Oberwinterthur soll die Sammlung ab 2030 weitere physische Zug\u00e4nglichkeit erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.terresta.ch\/\">Terresta<\/a>, der Immobilienbereich der SKKG, versucht, ein Gleichgewicht zu wahren. Eine zweigleisige Strategie verbindet g\u00fcnstige Bestandsmieten mit markt\u00fcblichen Neubauten. Damit wird versucht, gleichzeitig faire Mieten zu sichern und die Finanzierung der Stiftungst\u00e4tigkeit zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">SKKG und Terresta versuchen damit, der strukturellen Konstellation zu begegnen, und mit einem heterogenen, teilweise unsichtbaren Verm\u00f6gen in kultureller Arbeit, Provenienzforschung und dem Erhalt fairer Wohnbedingungen zu investieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"klare-aufarbeitung\"  class=\"wp-block-heading\"><strong>Klare Aufarbeitung&nbsp;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die SKKG geht mit dem neuen Forschungsbericht ihre Geschichte ergebnisoffen und offensiv an. Sie nutzt die Aufarbeitung zur kritischen Reflexion. Der Bericht weist geschw\u00e4rzte Stellen auf. Sie betreffen Objekte oder Sachverhalte, die Gegenstand laufender Provenienzuntersuchungen sind, schreibt die SKKG.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"offene-fragen-debattieren\"  class=\"wp-block-heading\"><strong>Offene Fragen debattieren<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie soll die Sammlung als historisches Artefakt behandelt werden? Soll sie \u00abeingefroren\u00bb bleiben \u2013 als Dokument von Stefaninis Geschmack und seinen Priorit\u00e4ten? Oder soll sie unter neuen Gesichtspunkten gestaltet werden, weil sich die Werte, auf denen sie aufbaut, ge\u00e4ndert haben? Diese Fragen zu stellen und \u00f6ffentlich zu debattieren, ist sicherlich ein wichtiger Schluss, den die SKKG aus der Aufarbeitung zieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier geht es zu gesamten <a href=\"https:\/\/www.skkg.ch\/aktuell\/praktiken-des-sammelns-und-bauens\">Forschungsbericht.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier geht es zu <a href=\"https:\/\/www.sgg-ssh.ch\/\">Schweizerischen Gesellschaft f\u00fcr Geschichte.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein neuer Forschungsbericht, im Auftrag der Stiftung f\u00fcr Kunst, Kultur und Geschichte SKKG und Terresta, mit Unterst\u00fctzung der Schweizerischen Gesellschaft f\u00fcr Geschichte (SGG), dokumentiert erstmals systematisch, wie Bruno Stefanini sein Immobiliengesch\u00e4ft und seine Kunstsammlung aufgebaut hat. Die Ergebnisse zeigen die Differenzen zwischen philanthropischem Anspruch und gesch\u00e4ftlicher Realit\u00e4t auf. 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